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Brexit für Anfänger

| 6. Dezember 2019 | Keine Kommentare
Kategorie: Essay, Fazit 158

Foto: Keith ClaunchEin Essay von Peter Sichrovsky. Peter Sichrovsky lebte bis zum Ende dieses Sommers in der Nähe von London. Er  räumt in einer persönlichen Bestandsaufnahme mit einigen Brexit-Mythen auf und bedauert, dass die EU mit den Briten viel mehr verliert als bloß eines von 28 Mitgliedern.

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Mag. Peter Sichrovsky, geboren 1947 in Wien, ist Journalist, Schriftsteller, Manager und ehemaliger Politiker. Er hat Pharmazie und Chemie an der Universität Wien studiert und arbeitete in der Pharmaindustrie. Danach war er als Journalist für Profil, Spiegel und die Süddeutsche Zeitung tätig. 1988  gehörte er zum Gründungsteam des Standard. 1996 bis 2004 war er Mitglied des Europäischen Parlaments. 2006 bis 2016 war er im internationalen Management als CEO eines Energiekonzerns in Singapur und Manila tätig.

Im Herbst 2016, kurz nach der Abstimmung über Brexit, übersiedelte ich nach Guildford, einer Universitätsstadt etwa eine Stunde südlich von London. Wenn man das Glück hat, dass in dem katastrophalen britischen Eisenbahnsystem der Schnellzug funktioniert, kann man die Strecke auch in 35 Minuten schaffen. Guildford ist kein Schlafzimmer für London, obwohl viele, die dort leben, in London arbeiten. Es beherbergt die »University of Surray«, eine der besten Universitäten in Großbritannien und die »University of Law«. Zahlreiche Prominente leben dort, unter ihnen viele bekannte Fußballer, die das Schulsystem dort schätzen, Ringo Starr hat ein Haus, und auch ein Mitglied der Pink Floyd. Meine sozialen Kontakte beschränkten sich in Guildford weitgehend auf den Tennisklub, wo Mittwoch und Freitag die älteren Herren in Doppelformation spielen. Nach dem Tennis sitzen die Herren im Klubgebäude bei Kaffee, Tee und Keksen und diskutieren über Wetter und Urlaube, neu entdeckte Restaurants und natürlich Politik, allerdings eingeschränkt auf ein Thema: Brexit.

Über die Tennisspiele sollte nicht gesprochen werden, das verbieten die Klubregeln, denn wenn der Platz nach einem Spiel verlassen wird, ist das Verlieren oder Gewinnen kein Thema mehr. Der Klub ist so organisiert, dass immer zwei Felder nebeneinander liegen, und so spielte ich an einem der letzten Freitage, bevor ich England vor ein paar Wochen verließ, mit meinem Partner gegen zwei andere, die alle zufällig ausgewählt werden, da es keine fixen Teams gibt. Auf dem Platz neben uns spielten ebenfalls vier ältere Herren, als plötzlich deren Spiel durch laute Stimmen unterbrochen wurde und auch unsere Gruppe aufhörte. Nun muss man berücksichtigen, dass Tennis in Großbritannien ein nobler Sport ist, im Gegensatz zu Fußball, vielleicht nicht ganz so nobel wie Cricket, aber definitiv dem Rugby weit überlegen. Nur bei Pferderennen zeigt schon die Kleidung der Zuseher, dass dies eigentlich kein Massensport ist und man die Angelegenheit eher unter sich genießt.

Am Platz neben uns lag ein zerbrochener Tennisschläger, offensichtlich zu Boden geschleudert, ein merkwürdiges Ereignis in einem Klub, wo selbst jedes Fluchen untersagt ist und man sich nach dem Spiel freundlich die Hände reicht, selbst wenn einer der Spieler ständig Bälle als out erklärt hat, die mitten auf der Linie landeten. Nach Unterbrechung unseres Matches gingen wir vier langsam zur anderen Gruppe und hörten lautes Schreien, und als wir näher kamen, konnte ich einen der Spieler verstehen, er hieß Robert, war schlank und groß mit buschigen Augenbrauen, arbeitete früher in Schottland in der Ölindustrie und sagte laut und wütend: »Du zerstörst die Zukunft unserer Kinder!« »Im Gegenteil! Ich rette sie!«, schrie ihn George an, ein Rechtsanwalt, klein und rundlich mit roten Flecken im Gesicht, der nur mehr zweimal die Woche Klienten empfing. Nun mischte sich der dritte Spieler ein, Frank, der als Postmeister ein Postamt in der Nähe von Guildford geleitet hatte und immer wieder Tennis unterbrechen musste, um sich an sein neues Gelenk an der Hüfte, am Knie oder sonst wo zu gewöhnen. »Ich habe ja nichts gegen den Austritt, aber alles sollte ordentlich vorbereitet und organisiert sein. Mit so einem Chaos hat doch keiner gerechnet!« Aus ihm sprach eben der Postamtsdirektor, der seine Ordnung liebt. Gleichzeitig sprach Gary, der ein kleines Bauunternehmen leitete und wegen Zuckerkrankheit und Herzproblemen relativ früh seine Pension antrat, aber immer noch zwei bis dreimal die Woche Tennis spielte. »Raus aus dem Verein, sage ich! Koste es, was es wolle! Ich will mir weder von den Deutschen noch von den Franzosen mein Leben organisieren lassen!« Auch er sprach ungewöhnlich laut und über sein weißes Gesicht rannten Schweißtropfen, die nicht vom Tennisspielen kommen konnten. Nun ging es Schlag auf Schlag, als stünden die vier am Netz und es würden durch die kurze Distanz zwischen ihnen die Bälle hin und her flitzen. Frank: »Labour hätte es viel besser verhandelt, wir brauchen Neuwahlen.« Gary: »Du spinnst ja! Der Corbyn will den Sozialismus hier einführen.« Frank: »Also bitte, halte dich zurück, ich erinnere an den Code of Conduct in unserem Klub!« Robert: »Code of Conduct ist dir wichtig, und die Zukunft unserer Kinder nicht?« Und bald kam der Punkt, an dem sie erkannten, dass sie alle vier gleichzeitig sprachen und keiner mehr den anderen verstehen konnte.

Gespaltenes Land
Der Streit unter den Tennisspielern ist symptomatisch für die Situation in Großbritannien. Er hätte überall stattfinden können, in der U-Bahn, am Arbeitsplatz, bei einem harmlosen Treffen von Freunden und selbst innerhalb von Familien. Das Land ist gespalten quer über alle sozialen, geografischen, intellektuellen und ökonomischen Grenzen. Viel wurde über Brexit bereits geschrieben und die Kommentare in den deutschen und österreichischen Zeitungen und auch andere europäische Publikationen reichen von Wut über Hohn, Ärger bis zur Verzweiflung. Das völlig Unerwartete war eingetroffen. Das Jahrhundertprojekt der EU-Gründer wurde durch den Austritt eines der wichtigsten Mitglieder unterbrochen. Vielleicht ist es Wert, sich einmal die nüchternen Zahlen der Abstimmung genauer anzusehen, um besser zu verstehen, was damals in Großbritannien passierte. Insgesamt haben 17,4 Millionen für den Austritt gestimmt und 16,1 Millionen für das Verbleiben. Die Wahlbeteiligung lag bei 72,2 Prozent mit einem unterschiedlichen Verhalten je nach Alter, Wohnort und ökonomischer Situation. In der Altersgruppe 18 bis 24 stimmten über achtzig Prozent für den Verbleib in der EU. Der Wert verringerte sich bei den 25- bis 34-Jährigen auf etwa 65 Prozent, doch auch unter den 35- bis 44- Jährigen hatten die »Remainer«, die »Verbleiber«, wie die Briten sie nennen, noch eine klare Mehrheit. Doch dann änderte sich die Situation. Unter den 45- bis 54-Jährigen stimmten bereits 55 Prozent für den Austritt und das steigerte sich bis zu den Wählern über 65 Jahren, die mit großer Mehrheit für den Austritt stimmten, die als »Leaver«, die »Geher«, bezeichnet werden. Die Verallgemeinerung in den Kommentaren, dass die »Jungen« alle für den Verbleib in der EU waren, während nur die »Alten«, die nichts mehr zu verlieren hätten und auf ihren Pensionen sitzen, für den Austritt stimmten, ist nicht ganz richtig. Das Verhalten wechselt in der Altersgruppe Mitte vierzig, also genau jene, die mitten im Arbeitsprozess stehen, Familien bereits gegründet haben und sehr wohl die Mechanismen der EU und die Folgen eines Austritts verstehen.

Das stellt auch die Behauptung infrage, es sei eine rein emotionale Abstimmung gewesen, die nichts mit der Realität eines Austritts zu tun hätte und die Briten nun vor Konsequenzen stehen würden, die sie eigentlich nicht wollten. Ein weiterer Mythos, der in den Kommentaren über die Brexit-Abstimmung verbreitet wurde, betrifft die Wahlbeteiligung. In den ersten Analysen kurz nach der Abstimmung wurde behauptet, die »Jungen« seien nicht zur Wahl gegangen und konnten sich deshalb nicht durchsetzen. Spätere Analysen haben diese Behauptungen nicht bestätigt. Einige TV-Sender in Großbritannien veröffentlichten kurz nach dem Referendum, dass nur etwa 36 Prozent der Wahlberechtigten in der Altersgruppe 18 bis 24 sich an der Abstimmung beteiligten. Genauere Untersuchungen in den Monaten nach der Wahl widerlegten die Behauptung. Derzeit ist es eine Tatsache, dass in der Altersgruppe 18 bis 24 etwa 65 Prozent der Wahlberechtigten sich an der Abstimmung beteiligten, also mehr als doppelt so viele als ursprünglich behauptet wurde. Dieser Prozentsatz steigerte sich mit dem Alter der Wahlberechtigten bis 90 Prozent der über 65-Jährigen, die zur Wahl gingen. Es ist dies ein Beispiel moderner Missinformation, wenn eine falsche Meldung genügend oft wiederholt wird, bis es tatsächlich alle glauben.

Eine Zusammenfassung der Wähleranalyse zeigt in der Tat eine unterschiedliche Wahlbeteiligung je nach Alter, jedoch mit weitaus geringeren Unterschieden als ursprünglich veröffentlicht. Die Wahl wäre kaum anders ausgegangen, wenn der Prozentsatz der »Jüngeren« etwas höher gewesen wäre, Außer es hätten sich wie bei den »Älteren« ebenfalls neunzig Prozent daran beteiligt. Ein unterschiedliches Ergebnis wäre wahrscheinlich erreicht worden, hätte man den 16- 18-Jährigen die Wahlberechtigung gegeben, ein Thema, das mehrmals vor der Wahl diskutiert wurde. Bezüglich eines unterschiedlichen Wahlverhaltens je nach Geschlecht der Wähler sind Unterschiede zwischen Männern und Frauen zu beobachten. Unter den Frauen stimmten 51 Prozent für den Verbleib in der EU und 49 Prozent für den Ausstieg. Bei den Männern ist die Tendenz umgekehrt. 55 Prozent wollten die EU verlassen und 45 Prozent bleiben. In den verschiedenen Altersgruppen verhalten sich ältere und jüngere Männer vergleichbar wie Frauen, hier zeigen die Statistiken keine Unterschiede.

Regionale Unterschiede
Andere Untersuchungen zeigen interessante Unterschiede nach den verschiedensten Kriterien. Großbritannien ist ein typisches Einwanderungsland mit einem großen Prozentsatz an verschiedenen Minderheiten. Erstaunlich ist, dass ausgerechnet die Minderheiten ein Verbleiben in der EU vorziehen. Während unter den »weißen« Briten 54 Prozent für den Ausstieg stimmten, entschieden sich 69 Prozent der »Nicht-Weißen« für den Verbleib in der EU. Unterschiede in der ökonomischen Situation der Wählerinnen und Wähler zeigen ebenfalls Unterschiede, diese sind jedoch nicht so extrem, dass man von einem Arm-Reich-Gefälle sprechen könnte. Einige der Superreichen Großbritanniens haben sich für den Austritt ausgesprochen. Auch der Prozentsatz unter den ärmeren Familien und unter Arbeitslosen für das Verlassen der EU ist relativ hoch. Ebenso krass wie die Widersprüche in der Alterspyramide sind die regionalen Unterschiede in Großbritannien betreffend »Remainer« und »Leaver«. Die Hauptstadt London wählte mit 60 Prozent den Verbleib in der EU. Die Umgebung von London, in der die besser Verdienenden leben, entschied sich mit 52 bis 54 Prozent für das Verlassen der EU. Schottland hat mit 62 Prozent Verbleiben in der EU den höchsten Wert innerhalb des Königreichs erreicht und Schottland möchte diese Stimmung auch in einem Referendum zur Loslösung von England ins Spiel bringen. Wales, oft mit Schottland verglichen mit dem Streben nach Unabhängigkeit, hat mit 52,5 Prozent den Ausstieg gewählt, während Nordirland mit 56 Prozent für das Verbleiben stimmten – also sehr unterschiedliches Abstimmungsverhalten der einzelnen Teile Großbritanniens.

Die stärkste Unterstützung für den Austritt kommt von der Mitte des Landes, den Gegenden mit Industrie und Landwirtschaft und den höchsten Anteilen an Arbeitslosigkeit und Armut. Würde man es farbig zeigen, wo für und wo gegen das Verlassen gestimmt wurde, so zeigt Großbritannien ein eigenartig unterschiedliches Verhalten. Nehmen wir an blau würde die »Leaver« kennzeichnen und gelb die »Remainer«, so kann man sich die Karte von Großbritannien als großen blauen Fleck vom südlichen Meer bis Schottland vorstellen mit der gelben Unterbrechung von London und einem gelben Fleck im Norden mit Schottland und im Nordwesten mit Nordirland. All diese Untersuchung widerlegen die simplifizierten Behauptungen, die Briten hätten aus reinem Frust für den Ausstieg gestimmt und würden es jetzt bereuen. Sowohl das eine wie auch das andere stimmt nicht. Neue Untersuchungen über das Verhalten bei einer möglichen zweiten Abstimmung zeigen wenig Unterschiede. Je nach Wahlbeteiligung könnte es das eine oder andere Ergebnis bringen. Das Land ist weiter gespalten und die Einstellungen für und wider Europa haben sich kaum geändert. Es ist sicher richtig, dass während des Wahlkampfes vor der Abstimmung von den Gegnern der EU Versprechungen gemacht wurden, die unrealistisch waren. Aber man darf die Briten nicht für Idioten halten, die ohne nachzudenken jeder Propaganda nachlaufen. Die Skepsis gegenüber der EU hat Geschichte und die Diskussionen über Ausnahmeregeln, die sich Großbritannien erstritten hatte in der Vergangenheit, blockierten oft die EU über Monate.

British way of life
Doch es bleibt eine Tatsache, dass eine EU ohne die Briten vor allem ein Verlust für ein geeinigtes Europa der Zukunft wäre. Dieses Inselvolk hat auf so vielen Gebieten Herausragendes geleistet, dass man gar weiß wo man mit der Aufzählung beginnen sollte. Zum Beispiel die Universitäten. Mit Oxford, Cambridge, St. Andrews, Imperial College und UCL, Kings College, der London School of Economics können es kaum Universitäten auf dem Kontinent aufnehmen. London als Finanzzentrum der Welt – und nicht nur Europa ist ebenfalls nicht ersetzbar und wird trotz Austritt aus der EU nicht an Bedeutung verlieren. Wo wäre die moderne Musik, die die Kultur einer ganzen Generation beeinflusste, Mode, Literatur und bildende Kunst ohne die Popszene der Beatles, der Rolling Stones und anderer Gruppen? London ist neben dem ökonomischen Zentrum auch die Theaterhauptstadt der Welt und hat New York längst abgelöst. Und selbst der Fußball, wenn auch mit riesigen Investitionen aus dem Ausland, ist zumindest im Mannschaftsfußball beeindruckend, eine Tennisgala wie Wimbledon wird man nirgendwo finden, so wie die verrückten Hüte beim Pferderennen in Ascot. Sie haben Stil, diese Briten, deshalb beneiden sie vor allem die Deutschen, aber auch die Franzosen, die zwar glauben, sie seien im »Stil« unerreichbar, jedoch an der britischen Selbstsicherheit verzweifeln, die, wenn immer sie von sich reden, nie behaupten, die »Besten« zu sein, sondern eben nur anders. Man kennt den Begriff des »British way of life«, unter einem »French« oder »German way of life« kann man sich nichts vorstellen.
Königin Elisabeth hat das perfekt formuliert, als sie nach einem Terroranschlag Verletzte in einem Krankenhaus besuchte: »Diejenigen, die diese Brutalität gegen Unschuldige verbrochen haben, sollen wissen, dass sie unseren ‚Way of Life‘ niemals verändern werden. Sie haben lediglich unseren Begriff der Kommunität, unserer Humanität sowie unser Vertrauen in unsere Gesetzgebung bestärkt«.

Essay, Fazit 158 (Dezember 2019), Foto: Keith Claunch

 
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