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Wir sind alle oft zu brav!

| 26. März 2020 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 161, Kunst und Kultur

Foto: Robert PolsterDas Kulturangebot stagniert aus gewissen bekannten Gründen, im Hintergrund brodelt es aber fleißig weiter. Ein Gespräch mit dem Theaterregisseur Ed. Hauswirth, der gerade mit seiner partizipativen »GAK vs. Sturm«-Produktion am Schauspielhaus reüssiert, die er mit Nichtprofessionisten erarbeitete (siehe auch Peter Wagners Nichtkritik des Stückes hier). Das Gespräch wurde vor der Krise geführt und beinhaltet Ausblicke für danach.

::: Hier können Sie den Text im Printlayout lesen.

Bist du glücklich mit deiner letzten Produktion am Schauspielhaus?
Über das Ganze gesehen bin ich sehr zufrieden mit dem Stück. »Bist du GAK oder Sturm?« Wir haben mit den Leuten, den »BürgerInnen«, die wir »beteiligt« haben, ab Dezember zu arbeiten begonnen und wir waren über acht Wochen intensiv am Werken. Es ist niemand abgesprungen, alle haben durchgehalten. Es handelt sich dabei um eine Partizipationsproduktion. Das ist bei vielen Bürgertheatern und bei großen Häusern momentan ein wichtiger Teil des Ablaufes. Das Theater im Bahnhof hat schon vor Jahren dazu beigetragen, dass sich das Grazer Schauspielhaus öffnet. Mittlerweile steht es sogar im Vertrag, dass Kooperationen eingegangen werden sollen. Die Fußballgeschichte ist eine Produktion des Schauspielhauses, von der dortigen Dramaturgin Jenny Weiß kam die Idee und ich wurde angesprochen, das durchzuziehen. »Fußball« als Thema war für mich inhaltlich natürlich aufgelegt.

Möchtest du mit 55 nicht einmal was anders machen?
Vielleicht muss ich im Sommer einmal nachdenken, was noch stattfinden könnte in meinem Leben [lacht]. Aber im Ernst: Es ist momentan auch ein Privileg in so einem Haus zu arbeiten.

Ist das, was du machst, hierarchisch oder antihierarchisch?
Teils teils. Es handelt sich um Kollektivprozesse, das heißt wahrlich, dass jeder was sagen kann. Entscheiden muss dennoch ich, wobei ich es liebe, wenn ich viele Auflagen aus dem Team bekomme und ich mir das aussuchen kann, was mir gefällt. Da muss man dann hierarchischer sein und Chef spielen.
Laien und Professionisten sind verschieden. Bekanntlich habe ich selbst 15 Jahre Amateurtheater gemacht und meine Erfahrungen in beiden Feldern gesammelt. Eines ist für alle gleich: Grundsätzlich hat Theaterspielen schon damit zu tun, dass man ein gewisses Grundverständnis für Spiel und Erzählen mitbringt. Bei Sturm-GAK war es nicht meine Intention, Menschen aus anderen Berufsgruppen zu Schauspielern zu machen. Sondern mit dem, was sie haben, zu arbeiten und das sichtbar werden zu lassen. Im Kinovergleich betrachtet wäre das als Neorealismo zu bezeichnen. Man kann, wie wir seit J. J. Cale wissen, auch mit drei Tönen schöne Soli spielen. Die Leute sind alle fantastisch und es könnte durchaus wieder zu Zusammenarbeit kommen.
In Österreich ist der Schauspieler ja sakrosankt. Das ist jemand, so der allgemeine Tenor, der schön sprechen kann und eine schöne Sprache hat. In einer performativen Gesellschaft gibt es verschiedene Formen von Performativität. Wenn man selbige bewusst wahrnimmt, kann man sie immer zu einem Theaterabend formen. Aber es ist eine andere Arbeit. Der Schauspieler, der hauptberuflich tätig ist, zeichnet sich dadurch aus, viele Ästhetiken handwerklich zu inkorporieren und anschließend zu veräußern. Das geht von einem Regieprojekt zum anderen. Aber nicht-professionelle Darsteller können manchmal etwas, was nur sie können.

Zur Kulturpolitik: Gibt es zu viele Theater in Graz?
Phänomenologisch draufgesehen kann man sagen: es sind sehr viele. Jedoch, und du sprichst die Diskussionen von vor 15 Jahren an, hat sich die Szene im Vergleich dazu verändert. Es gibt neue Namen und eine neue Generation. Andererseits ist Graz an sich eine österreichische Anomalie, in Linz etwa ist das Gegenteil der Fall. Da existieren große Häuser, aber nicht so eine heterogene Szene, die den Vorteil von Vernetzung und Befruchtung mit sich bringt. Was Graz bräuchte, wäre ein kuratiertes Haus für freie performative Künste, an denen sich die Szene reiben könnte. Die Gessnerallee Zürich wäre etwa ein Vorbild.

Deine Wünsche an die Kulturpolitik?
Geld für diese Arbeit in die Hand nehmen. Kantiges zulassen und vor allem Dinge, die auch wehtun, die mehr in das Gesellschaftspolitische gehen. Wir sind alle zu oft zu brav und zu ordentlich, zu weich und zu ausgleichend. Das muss wieder radikaler werden.

Ed. Hauswirth, geboren 1965 in Mooskirchen, ist Gründungsmitglied und künstlerischer Leiter des Theaters im Bahnhof. Von 1990 bis 2005 war er Landesspielberater für außerberufliches Theater in der Steiermark. Zahlreiche Inszenierungen für das TiB, die Rabtaldirndln, das Vorstadttheater Graz und das TAG in Wien. Zuletzt erarbeitete er am Theater Dortmund die Stückentwicklung »Die Liebe in Zeiten der Glasfaser«.

Alles Kultur, Fazit 161 (April 2020), Foto: Robert Polster

 
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