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Der Greißler im System

| 29. Mai 2020 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 163, Fazitportrait

Foto: Heimo Binder

Wo Schatten ist, ist auch Licht. Der »Lockdown« rückte systemrelevante Berufsgruppen ins rechte Licht. Dazu zählen auch kleine Lebenmittelgeschäfte wie »Feinkost Kabir-Lichtenegger« in der Grazer Glacisstraße. Bisher fuhren die meisten vorbei, jetzt bleiben manche stehen, sogar ohne Auto.

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Selten war es am Grazer Glacis so ruhig. Die weltweite Verbreitung eines Virus sorgte auch in einer der Hauptverkehrsadern von Graz für bessere Luft, niedrigeren Blutdruck und nur leichtes Verkehrsgerinsel. Eichhörnchen spielten am Glacis Fangen, Entenfamilien konnten gefahrlos die Straße überqueren. Es war, als ob auch die Autos zu Hause bleiben mussten. Tankstellen gehörten zu den verlassensten Plätzen der Stadt, Geschäfte und ganze Shoppingmalls blieben geschlossen, die Bewohner in den Häusern. So oder so ähnlich wird man es sich später einmal erzählen.

Wir befinden uns im Jahre 2020 n. Chr. Die ganze Stadt ist von einem Virus erobert. Die ganze Stadt? Nein! Einige von unbeugsamen Systemerhaltern bevölkerten Institutionen hören nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten. Sie machen das Leben nicht leicht für die viralen Legionäre, die als Besatzung in befestigten Bezirken wie Jakominorum, Geidorfium, Lendanum und Griesbonum liegen. Einige Systemrelevante: Krankenhauspersonal, Pflegekräfte, Kraftfahrer und Zusteller, Reinigungsdienste, Müllabfuhr.

Foto: Heimo Binder

Nur ganz bestimmte Läden durften geöffnet bleiben, sogenannte systemrelevante Betriebe. Dazu zählten zuallererst jene, die die Bevölkerung mit Lebensmitteln versorgten. Da fielen sie uns wieder ein, die Greißler. Die, die gleich ums Eck waren, die innigste Verbindung zwischen dem großen Welthandel und dem kleinen Letztverbraucher. Wo man noch »Anschreiben« lassen konnte, wenn Ebbe im Geldbörsel war, und wo es statt »Kommunikationsmaßnahmen« noch persönliche Beziehungen gab. Deren Tiefe wiederum ausschlaggebend dafür war, wieviel und vor allem wie lang man anschreiben konnte. Neukunden mußten schon beim nächsten Einkauf ihre alte Rechnung begleichen, während Stammkunden sich damit in der Regel bis zum nächsten Monatsersten Zeit lassen konnten. Üblicher- wie praktischerweise waren die Greißler fast ausschließlich Familienbetriebe, wo niemand so genau auf die Uhr schaute oder sich für irgendwelche Arbeiten zu schade war. So ist es auch beim einsamen Greißler am Glacis.

Bedeutung und Wert
Ironischerweise bedurfte es eines gesundheitsrelevanten Anlasses, um Bedeutung und Wert auch jener Nahversorger, die noch nicht von einer großen Handelskette geschluckt worden sind, wieder angemessen schätzen zu können. Irgendwann in den Neunzehnfünziger- oder -sechzigerjahren begannen die Greißler sich als Delikatessen- oder Feinkostladen zu bezeichnen, da sie in erster Linie Lebensmittel führten. Doch die »Zwischenhändler des Verderblichen«, wie einst die amtliche Definition lautete, setzten als gute Unternehmer gern auf weitere Standbeine, sprich Einkünfte, und fungierten häufig als Gemischtwarenhandlung. So kam es, dass es zur Freude so mancher Kundschaft auch im »Lockdown-Modus« anno 2020 Toilettenpapier zu kaufen gab. Ein Umstand, dessen zumindest nachträgliche Einstufung als Luxusproblem die allgemeine Lage stark beruhigte. Auch bei »Feinkost Lichtenegger« gab und gibt es diesen Artikel. Als einem der letzten Greißler der Stadt wurde ihm plötzlich das helle Licht des Systemerhalters zuteil. Zwar war er das bislang auch schon, aber Beachtung fand das kaum. Nun hatte er als eines der wenigen Geschäfte am Glacis, an der Ecke Attemsgasse, auch im März und April geöffnet. Dadurch entdeckten viele Kunden das Geschäft gewissermaßen neu. Jene, die es ohnehin kannten, besannen sich wieder der Existenz des Greißlers ums Eck und neue Kundschaft nutzte die leichte Erreichbarkeit dieses Nahversorgers auch ohne Auto. Aber auch viele, die weiter entfernt wohnen, machten von einem althergebrachten Greißlerservice Gebrauch – von der Zustellung.

Perser statt Grieche
Tatsächlich heißt der Feinkostladen ja »Kabir-Lichtenegger«. Der Ehemann von Josefa Lichtenegger, Reza Kabir, ist gebürtiger Iraner. Die beiden betreiben das Geschäft bereits seit 33 Jahren an diesem Standort. Josefa Lichtenegger geht in diesen Räumlichkeiten sogar schon seit 1972 ein und aus, damals hat sie hier als Lehrling angefangen. Zu dieser Zeit hatte das Geschäft einen griechischen Namen: Familie Kallinidis versorgte ihre Kundschaft auch mit Waren aus Griechenland, woran das Ehepaar Kabir-Lichtenegger sehr zur Freude von Griechenlandurlaubern und -fans nichts geändert hat. Das Geschäft hat eine mehr als hundertjährige Geschichte. Ursprünglich hieß es Groyer und vor dem Ersten Weltkrieg soll es eine Suppenküche gewesen sein. Reza Kabir kam 1970 von Teheran nach Österreich, legte eine Studienberechtigungsprüfung ab und studierte in Graz Volkswirtschaft. Regelmäßig fuhr er mit dem Balkanexpress um 4 Uhr 10 in der Früh nach Wien, um dort noch zusätzlich Welthandel zu studieren. Sein Vater war unter dem Schah von Persien Notar, Hochschullehrer und Abgeordneter. Als Perser entdeckte Reza Kabir alsbald den Teppichhandel für sich und betrieb bis 2004 in der Wickenburggasse ein Teppichgeschäft. Zunächst hatte er nur ein Teppichlager – in einem Raum des Lebensmittelhändlers Kallinidis in der Glacisstraße, wo er auch Josefa kennenlernte. Als im Jahr 1979 Ayatollah Khomeini im Iran an die Macht kam, bedeutete das auch das Ende der Unterstützung durch die Eltern und Reza musste seine Studien jeweils vor der letzten Teilprüfung aufgeben. Drei seiner vier Geschwister sind in die USA ausgewandert. »Der Teppichhandel war in den Neunzehnsiebziger- bis in die -neunzigerjahre ein gutes Geschäft«, plaudert er aus der Schule. Aber diese Zeiten waren vorbei. 1987 übernahm er mit seiner Frau schließlich das Lebensmittelgeschäft. Er legt Wert darauf, günstig zu sein und geht abseits der Einkaufsgemeinschaften der Großmärkte seine eigenen Wege.

Foto: Heimo Binder

Direktimporte und Regionalität
»Wir importieren direkt aus Indien, zum Beispiel den Reis, aber auch aus Griechenland. Wir kaufen in Deutschland genauso ein wie beim Metro. Und wenn irgendwo, zum Beispiel beim Penny, ein Angebot ist, kaufe ich dort ein. Aber wichtig ist bei uns auch die regionale Ware, etwa beim Gemüse. Das wird, soweit vorhanden, in Österreich eingekauft, so die Tomaten oder der Grazer Krauthäupel.« Große Reissäcke aus Indien zeugen von seiner regen Handelstätigkeit. Allein vom Reis werden von Kabir zwei Tonnen pro Jahr unter anderem auch an die Gastronomie verkauft. Dort sieht es im Moment allerdings nicht rosig aus. Bis Mitte Mai waren die Gasthäuser bekanntlich geschlossen und ihre Bestelldienste kompensierten nicht viel. Sehr gut kommt auch sein Olivenöl an, rund 900 Liter gehen pro Jahr über den Ladentisch. Oder vier Paletten mit getrockneten und kandierten Früchten, was einer Tonne entspricht. Bei Walnüssen ist es sogar noch mehr: »550 Kilogramm pro Halbjahr.« Insgesamt erwirtschaftet das Ehepaar mit einer Teilzeitangestellten einen Jahresumsatz von rund 100.000 Euro. Reza Kabir ist zufrieden. Außerdem legt er Wert auf ein soziales Miteinander. Die Zeiten des »Anschreibens« sind zwar vorbei, aber es gibt auch hier andere Wege. Bei der Preisgestaltung solle auch auf einkommensschwache Menschen Rücksicht genommen werden, meint Kabir. Wie das geht? »Schauen Sie, wenn jemand hereinkommt und fragt, was eine Wurstsemmel kostet und ich merke, er hat nicht viel Geld, dann frage ich zurück, wieviel er denn gerade in der Geldtasche hat. Und wenn es nur 60 Cent sind, dann mache ich ihm trotzdem eine Wurstsemmel.«

Griechische Spezialitäten
Der Charme dieses Feinkostladens erschließt sich für viele wahrscheinlich erst auf den zweiten Blick. Er ist unauffällig, man kann nicht direkt davor parken, es sieht vermutlich gleich aus wie vor 30 Jahren, er ist altmodisch, man könnte schon wieder sagen »retro«, er ist wie aus der Zeit gefallen. »Es ist ein Nostalgiegeschäft«, sagt Reza Kabir und da hat er wohl recht. Es gibt sogar offene Ware, wie zum Beispiel Oliven. Und sonst? Neben den Lebensmitteln, alles was man im Haushalt so braucht. Putz- und Spülmittel, Alufolie, Tageszeitungen oder eingangs erwähnte Hygieneartikel. Erwähnenswert sind aber vor allem die griechischen Lebensmittel: 30 Sorten griechischer Alkohol vom Retsina über Metaxa bis zum Ouzo, Olivenöl von Kalamata (1 Liter um 8,90, 5 Liter um 37 Euro), Feta, Dolmadis, Kritoraki (Teigreis aus Hartweizen) oder griechischer Kaffee. Während des »Shutdowns« haben sich die Zustellungen ungefähr verdoppelt, allein durch Mundpropaganda. Für ältere Kunden (»75plus«) wird ohne Aufpreis zugestellt, bei Bestellungen ab 50 Euro auch, sonst werden gerade einmal 5 Euro verrechnet. Das kommt bei den Kunden gut an. In der Küche hängt ein Zeitungsausschnitt aus dem Jahr 2013: Sohn Benjamin war mit 19 Jahren »Steirer des Tages« und hat sein damals formuliertes Ziel mittlerweile erreicht. Er ist Violinist bei den Wiener Philharmonikern. Auch Tochter Sandra ist dabei, ihr Biologie- und Chemiestudium abzuschließen. Auch hier gilt: gut angekommen. Weniger gut ist, dass das Ehepaar Kabir-Lichtenegger – beide sind eigentlich längst in Pension – irgendwann wirklich aufhören wird. Wo kann man dann noch zehn Sorten frische Brötchen um 1 Euro 50 das Stück bestellen?

Feinkostladen Kabir-Lichtenegger
8010 Graz, Glacisstraße 7
Telefon +43 316 323135

Fazitportrait, Fazit 162/163 (Juni 2020) – Fotos: Heimo Binder

 
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