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Durch die digitale Linse

| 4. August 2020 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 165, Fazitportrait

Foto: Heimo Binder

Das Fotofachgeschäft Opernfoto in der Grazer Gleisdorfergasse hält seit 83 Jahren in mittlerweile dritter Generation die Stellung. Auch den Wandel von der Analog- zur Digitalfotographie hat es als Gesamtanbieter mit Verkauf, Labor und Fotostudio unter einem Dach gemeistert. Und im Service ist der Familienbetrieb der Hausleitner-Zwillinge besonders stark.

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Wie oft musste ich bei »Opernfoto« vorbeigehen, um endlich in die Situation zu kommen, auch einzutreten? Ein Leben lang. Na gut, könnte man jetzt meinen, das wird bei den meisten Läden und Geschäften so sein und es wird auch den meisten Zeitgenossen so ergehen. – Aber doch nicht in so einer kleinen Stadt, die immer winziger wird, je länger man lebt. Sagt die Zweitmeinung in meiner Brust, die fatalerweise immer zu fünfzig Prozent recht hat und damit zu hundert Prozent für jegliche Entscheidungsschwäche verantwortlich ist. Um mehr als achtzig Jahre lang so ein Fotogeschäft erfolgreich zu führen, muss man schon aus anderem Holz geschnitzt sein. Das gelingt der Familie Hausleitner bereits seit drei Generationen.

Die Goldene Zeit
1937 gründete Reinhold Hausleitner, der Großvater der beiden heutigen Eigentümer, als klassischer Straßenfotograf das Unternehmen. Sein gleichnamiger Sohn übernahm es in den neunzehnsechziger Jahren und führte es mit seiner Frau Annemarie, die das Fotostudio leitete, ebenfalls über mehrere Jahrzehnte bis zur Hochblüte. Die beiden, die sich übrigens schon an der Berufsschule kennengelernt hatten, erlebten die Goldene Zeit der Fotobranche. Das waren die 1980er und 1990er-Jahre, die Zeit vor der Digitalfotografie, als man noch mit 12-, 24- oder 36-Bilder-Filmen auskommen musste. Nicht nur aus diesem Grund überlegte man sich damals jedes Foto sehr genau. Der analoge Film musste schließlich zunächst zum Entwickeln gebracht werden, um ein Negativ zu erhalten, was schon seinen Grundpreis hatte. Dann erst wurden die eigentlichen Fotos auf Fotopapier zum Positiv ausbelichtet. Dem lag ein aufwendiger photochemischer Prozess zugrunde, der in der Dunkelkammer der Vergangenheit an Zeiten rührt, in denen man »Prozess« noch mit scharfem ß schreiben musste – wie übrigens auch »musste« – und Foto mit »Ph« schreiben durfte, was der Duden heute ungern sieht. Dass die Rechtschreibreform ein Synonym für jämmerliches Scheitern ist, wäre zumindest eine frugale Fazitabschweifung wert, aber abgesehen davon, dass das ein Widerspruch in sich wäre, erweist sich der Umstand, dass sich die Mehrheit heute auf eine, wegen eben dieses Scheiterns unvollkommene künstliche Intelligenz namens Rechtschreibprüfung verlässt, zu sehr als Spielverderber.

Demokratisierung der Fotographie
Wir waren beim fertigen Foto: Egal ob gelungen oder nicht, jedes musste extra bezahlt werden, das ging wirklich ins Geld. Sparfüchse konnten zwar, ähnlich wie bei den heutigen virtuellen Bildern am Display oder Bildschirm, eine Auswahl der zu entwickelnden Fotos treffen, aber bloß anhand der Negative. Neben der hochnotpeinlichen Qual, Bilder weglassen und verlieren zu müssen, bedurfte und bedarf es nach wie vor einer hohen Kunstfertigkeit des Auges, besser des Gehirns, quasi verkehrtherum sehen zu können. Dunkel ist hell, hell ist dunkel, grün ist rot und umgekehrt. Kurz, ein Albtraum. Voller Hoffnung ließen daher die meisten den ganzen Film ausarbeiten, kostete es was es wollte. Das war natürlich gut fürs Geschäft. Der Druck war noch viele Jahre keine Alternative. Wer gar Sonderformate wie ein »Poster« ins chemische Bad schicken wollte, musste noch tiefer in die Brieftasche greifen. So gesehen ist die Digitalisierung eigentlich die Demokratisierung der Fotographie. Sie kennen die Geschichte: König und Adelige machen es vor, Bürgerliche machen es nach, und irgendwann darf und kann es jeder, zum Beispiel mit dem Smartphone. Da Fotos nicht so öffentlich herumstehen wie Einfamilienhäuser ist das eine gute Entwicklung. Ist es das für ein Fotogeschäft auch? Das ist eine der Hauptfragen an die heutige Generation.

Foto: Heimo Binder

Zwillinge und Miss Austria
Diese wird durch die Zwillingsbrüder Gernot und Peter Hausleitner repräsentiert. Ihre Schwester Susanne »Sunny« Hausleitner ist übrigens so manchem noch als Miss Austria 1990 in Erinnerung. Sie ist heute selbständige Diplomkosmetikerin im Frisiersalon »Schnittfritz« ihres Ehemannes. Das Brüderpaar, Jahrgang 1974, ist Anfang der neunzehnneunziger Jahre in das Fotogeschäft der Eltern eingestiegen. Beide haben Fotokaufmann und Fotograf gelernt – heute ist das Gewerbe bekanntlich frei – und Anfang der zweitausender Jahre haben sie die Geschäftführung übernommen, 2012 schließlich das Unternehmen selbst. Damit haben sie den Übergang der Fotographie vom analogen zum digitalen Medium rund um die Jahrttausendwende hautnah miterlebt. »Opernfoto« ist Gesamtanbieter geblieben und als solcher breiter aufgestellt als spezialisierte Mitbewerber. »Unser Geschäft beruht auf drei Säulen«, erklären Gernot und Peter Hausleitner. Als Handelsunternehmen steht in erster Linie der Verkauf von Hardware und Software im Vordergrund, also etwa von Fotoapparaten, Objektiven, Zubehör oder auch nach wie vor von analogen Filmen. Die zweite Säule bildet das 45 Quadratmeter große Fotostudio im ersten Stock, das mit Garderobe und Nassräumen professionelle Arbeit und Kundenbetreuung ermöglicht. »Hier werden vor allem Passbilder, Bewerbungsfotos oder Familienfotos gemacht«, so die Zwillinge. Insgesamt umfassen die Räumlichkeiten rund 200 Quadratmeter, die von sechs weiteren Mitarbeitern bespielt werden. Wenig Platz benötigt heutzutage die dritte Säule des Unternehmens, das Fotolabor. Denn die analogen Filmentwicklungen machen nur mehr rund 10 bis 20 Prozent gegenüber früher aus. Die Dunkelkammer ist schon lange tot. Daher benötigt sie auch keinen Platz mehr.

Sie wurde bei den Hausleitners durch zwei kompakte, wenn auch hochtechnische Maschinen ersetzt. Für technikbefreite oder zumindest -ferne Luftschloßbesitzer und Satzformulierer der schreibenden Zunft schaut die Sache angenehm einfach aus. Als Peter Hausleitner einen Kunden bedient, steckt er in die eine Maschine etwas hinein, aber eben kein digitales Speichermedium wie USB-Stick oder SD-Card, sondern völlig funk- und kabellos ein analoges Negativ. Über einen wundersamen Scanvorgang erscheint das Bild auf einem integrierten Bildschirm, wo es, so gewünscht und gegen Aufpreis, nachbearbeitet werden kann und über einen ebenso wundersamen Vorgang an die zweite Maschine geschickt wird. Diese verbirgt von außen nicht erkennbar in ihrem Inneren das seinerzeitige chemische Fotolabor inklusive der verloren geglaubten Dunkelkammer sowie einen Tintenstrahldrucker und wirft das fertige Bild aus. Auch wenn es so erscheinen mag, ist das genauso kein Wunder, wie etwa das langsame Erscheinen eines Bildes auf einem wieder trendigen analogen Polaroidfilm, dem tatsächlich ein chemischer Prozess zugrunde liegt. Und sollte diese Erläuterung aus technischer Sicht nicht ganz korrekt gewesen sein, ist vielleicht die Berufung auf Wittgenstein eine gute Ausrede: »Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.« Letztere sind durch die Digitalisierung natürlich schon längst erreicht, aber gewöhnt an und verwöhnt durch ein Knopfdruckdenken überwiegt des Kunden Dankbarkeit dafür, dass die Sache funktioniert, das Foto real existiert und auf der Hand liegt. Hauptsache Peter und Gernot Hausleitner haben das im Griff und das haben sie zweifellos. Die Ergebnisse der Philosophie sind die Entdeckung irgendeines schlichten Unsinns und die Beulen, die sich der Verstand beim Anrennen an die Grenze der Sprache geholt hat. Sie, die Beulen, lassen uns den Wert jener Entdeckung erkennen. – Das sagt Wittgenstein auch.

Das Tor des Möglichen ist noch viel weiter geöffnet, wir sind wieder bei Familie Hausleitner, wenn die analoge und die digitale Welt miteinander auch beim bewegten Bild verbunden werden. So wie man zu Zeiten des mittlerweile ausrangierten Videorecorders die alten Super-8-Filme auf Magnetband umspeichern konnte, kann man auch die Videobänder digitalisieren und entsprechend abspeichern lassen, was vor allem hinsichtlich diverser Familienaufnahmen sinnvoll sein kann. »Das machen wir natürlich auch«, so Gernot Hausleitner, »und haben dafür spezialisierte Partner außer Haus.« Günstig ist es mit 30 Cent pro Minute in allen Video-Formaten auch, Super-8-Filme schlagen mit 3 Euro pro Minute zu Buche. Nahezu ausrangiert am digitalen Sektor sind übrigens die Camcorder. Gefilmt wird heute mit Fotoapparat, weil über das Objektiv etwa Lichtstärke und Tiefenschärfe einstellbar sind.

Foto: Opernfoto

Service als Wert
75 Prozent des Jahresumsatzes von 2 Millionen Euro werden bei »Opernfoto« durch den Handel vor allem mit Fotoapparaten und Objektiven lukriert. Zwar gibt es die analogen Filme für die alten Kameras noch, die hier auch gebraucht zu erstehen sind beziehungsweise beim Kauf einer neuen Kamera auch gern eingetauscht werden, aber die Systemkameras von heute, egal ob mit oder ohne Spiegelreflex, wie auch die Bridgekameras mit fixem Objektiv sind allesamt digital. So wie die Handykameras. Da die Kameras aber hochwertiger sind und Modellpflege betrieben wird, wird die Verringerung der Kundenfrequenz im Vergleich zur Goldenen Zeit zumindest zum Teil kompensiert. Der Kameraverkauf bringt zwar weniger Ertrag, sprich Gewinn, aber der Umsatz ist in all den Jahren trotzdem immer leicht gestiegen, so die Hausleitner-Zwillinge. Das bessere Geschäft ist der Verbund Studio und Labor, also die Dienstleistung. An den fünf Terminals des digitalen Fachlabors wird im Selfservice digital ausgedruckt und insbesondere den vielen Handyfotokunden auch hilfreich beigestanden, das Foto zu 39 bis 49 Cent, für Eilige 69 Cent. Und was der hohe Stammkundenanteil oder auch geradezu hymnische Rezensionen im Internet bestätigen – die hier gebotene Beratung ist so wichtig wie erstklassig, ein Verleihservice für Kameras und Objektive ermöglicht praktisches Ausprobieren und findet naturgemäß großen Anklang wie auch ein anderer, ganz spezieller Service: In eigenen Fotoworkshops vermittelt Peter Hausleitner die Grundlagen der Fotographie und die Geheimnisse der jeweils eigenen Kamera. Denn durch das Objektiv gesehen ist alles subjektiv.

Opernfoto Hausleitner GmbH
8010 Graz, Gleisdorfer Gasse 19
Telefon +43 316 818888
opernfoto.at

Fazitportrait, Fazit 165 (August 2020) – Fotos: Heimo Binder (2), Opernfoto

 
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