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Immer am Drücker

| 6. Oktober 2020 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 166, Fazitbegegnung

Foto: Heimo Binder

Es gibt Menschen, die triffst du überall. Veranstaltungen, Pressekonferenzen – Thomas Fischer tanzt auf jeder Hochzeit. Genauer, er fotografiert. Und das seit – wenn nicht noch länger. Als frischgebackener steirischer Landesinnungsmeister der Berufsfotografen ab Jänner 2020 hatte er sogleich viel zu tun, als im Februar die Corona-Pandemie ausbrach und jeder Fotograf im Lande wissen wollte, wie es in der Branche nun genau weiterginge.

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Als vor sieben Jahren die Marktöffnung erfolgte und aus dem gebundenen ein freies Gewerbe wurde, stieg die Zahl der Fotografen von 350 auf aktuell 1.245 Wirtschaftskammermitglieder in der Steiermark. Wien soll seit vier Jahren mehr Berufsfotografen als New York City haben, österreichweit sind es rund 9.500. So sehr damit der Mitglieder-Wunsch nach Information quantitativ anschwoll, so sehr ließ dieselbe qualititiv zu wünschen übrig, weiß auch Thomas Fischer: Am Montag treten Kanzler, Vizekanzler und Minister vor das Mikro, dann basteln die Ministerien am Erlass, der oft erst freitags verkündet wird, dann an die Bundeswirtschaftkammer gelangt, dann an die Länderkammern und erst dann als Aussendung an die Kammermitglieder. Somit a) relativ spät und b) oft nicht deckungsgleichen Inhalts mit des Kanzlers montäglichen Worten. Also reine Nervensache, doch zum Glück verfügt Thomas Fischer über 32 Jahre Kammererfahrung im Ausschuss, davon 15 Jahre als stellvertretender Innungsmeister, sowie den epigenetischen Vorteil, dass bereits sein vor fünf Jahren verstorbener Vater Friedrich 15 Jahre lang Innungsmeister der Fotografen war.

Als gelernter Gärtner musste dieser wegen einer Kriegsverletzung knapp nach dem Zweiten Weltkrieg umsatteln und gründete als Pressefotograf vor 72 Jahren am Grazer Mehlplatz das Unternehmen, das sich seit Anfang der 1970er-Jahre in der Altstadtpassage mit der Adresse Herrengasse 7 befindet. Das 46 Quadratmeter große Fotogeschäft mit angeschlossenem 100-Quadratmeter-Studio ist ein reines Familienunternehmen mit sechs Angestellten, darunter vier Vollfotografen. Um die Kunden kümmert sich Thomas‘ Ehefrau Renate und auch seine Mutter hilft noch mit. Foto Fischer ist breit aufgestellt. Die private Kundschaft kommt wegen Portrait- und Familienaufnahmen, wegen Hochzeits- und Bewerbungsbildern oder Passfotos. Der stets freundliche und gut aufgelegte Fotograf hat aber auch ein gutes Netzwerk an institutionellen Kunden aufgebaut. So ist er nicht nur der Haus- und-Hoffotograf für die steirische Wirtschaftskammer – außer bei der eigenen Innung, weil er ja nunmehr der Chef ist – sondern etwa auch für das Rathaus. Zu seinen Stammkunden zählen weiters das Land Steiermark, der Flughafen Graz, die Kammer der Wirtschaftstreuhänder- und Steuerberater, Energie Graz oder die steirische ÖVP sowie Schulen, Kindergärten und -krippen.

Ständig auf Trab hält ihn auch die Presse- und Eventfotografie. Auf allen Hochzeiten eben – die ein eigenes Thema geworden sind, seit es so viele neue Fotografen gibt, die sich besonders gern auf Hochzeiten spezialisieren. Und sich aufgrund vergleichsweise niedrigerer Steuerbelastungen Preiskämpfe liefern. Allerdings führe die zumeist fehlende wirtschaftliche Ausbildung auch zu Fehlkalkulationen bis hin zu Verwechslungen von Umsatz und Gewinn. Fischer: »Man schätzt, dass von den 9.500 Fotografen in Österreich nur rund 500 hauptberuflich arbeiten und davon leben können.« Auf sonstige Änderungen angesprochen, fällt Thomas Fischer auf, dass weniger Gesamtfamilien zu den Portraitaufnahmen kommen als früher – offenbar aus Zeitmangel: »Oft schaffen es nur die Geschwister, sich zu einem bestimmten Termin zusammenzufinden.« Auch das geradezu institutionalisierte »Aktbild der Woche« ist aus Foto-Fischers Auslage verschwunden. Seine Vermutung: »Vielleicht ist die Gesellschaft konservativer geworden.« Seit zehn Jahren noch immer gleich ist sein Firmenauto, ein schwarzer Renault Espace, mit dem man in der Stadt niemals auf Parkplatzsuche gehen will. Meine  Vermutung: »Hang zu Aussichtslosigkeit?« wird widerlegt. 40 bis 60 Mal pro Jahr werde auswärts ein Fotostudio aufgebaut und nur in den langen Espace passe die Hintergrundrolle hinein – die ist 2,70 Meter breit.

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Thomas Fischer wurde am 5. April 1968 in Graz geboren. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter. Nach fünf Klassen im Keplergymnasium Lehre im elterlichen Betrieb »Foto Fischer« in der Herrengasse 7. Mehrmaliger Sieger bei Landes- und Bundeslehrlingswettbewerben, 1988 mit 20 Jahren jüngster steirischer Meister. 32 Jahre Ausschussmitglied in der Wirtschaftskammer, davon 15 Jahre stellvertretender Landesinnungsmeister, seit 9. Jänner 2020 Landesinnungsmeister der Berufsfotografen.

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Fazitbegegnung, Fazit 166 (Oktober 2020) – Foto: Heimo Binder

 
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