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Warum der Balkan uns die Welt bedeutet

| 13. April 2021 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 171, Gastkommentar

Foto: Martin LahousseWir glauben, dass es höchste Zeit ist, einen strategischen Blick auf den westlichen Balkan zu werfen«. Ein Satz, dem nun wirklich niemand widersprechen kann. Speziell dann nicht, wenn man sich ein kleines Stück mit der Region Südosteuropas auseinandersetzt und ihre Chancen, Probleme und Risiken kennt. Der Satz findet sich in einem Brief an Josep Borell, seit 1. Dezember 2019 Hoher Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik. Unterzeichnet haben diesen Brief neben Österreichs Außenminister Alexander Schallenberg auch dessen Amtskollegen aus Kroatien, Deutschland, Tschechien, Griechenland, Irland, Rumänien, der Slowakei und Slowenien.

::: Ein Gastkommentar von Philipp Jauernik
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Eine durchaus gewichtige Allianz also, könnte man meinen. Es geht auch qualitativ weiter. »Wir müssen diskutieren, wie wir auf interne Entwicklungen vor Ort und auf das aktivere Engagement dritter Akteure reagieren können«, adressieren die Chefdiplomaten von neun EU-Staaten das Engagement anderer, nichteuropäischer Mächte in der Region, die oft etwas despektierlich als »Hinterhof Europas« tituliert wird. Eine Bezeichnung, die ein bestimmtes Weltbild offenbart, das das Zentrum der Welt wohl eher im alten West- oder bestenfalls in Nordeuropa sieht. Durch die Augen eines aus Nordafrika Geflüchteten, dessen Ziel ein EU-Staat des europäischen Nordens ist, wäre mutmaßlich »Vorzimmer« zutreffender als »Hinterhof«. Hier wird vielleicht antechambriert, aber nicht verweilt, jedenfalls nicht, wenn es vermeidbar wäre.

Egal, wie man zu Migrationsfragen steht, hier wird deutlich, warum Südosteuropa für die EU eine zentrale Zukunftsfrage ist: Hier entscheiden sich nämlich Sicherheitsfragen für den Rest der Union. Und das außerhalb des eigentlichen Zugriffsbereichs der Union. Die Staaten Südosteuropas, die noch nicht in der EU sind (Albanien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Nordmazedonien, die Republik Kosovo und Serbien) sind definitiv kein homogener Raum. Hier herrscht hohe gesellschaftliche, ethnische, religiöse und ökonomische Diversität. Dazu kommen historisch nicht unbelastete Verhältnisse, die noch vor etwas mehr als zwei Dekaden auch militärisch ausgetragen wurden. Während in Serbien eine traditionell enge Verbindung zu Moskau vorherrscht, orientiert sich dessen frühere Provinz Kosovo, seit 2008 souverän, stark an den USA, betont aber auch, seine Zukunft ausschließlich im vereinigten Europa zu sehen. Serbiens Präsident Vucic pries dafür im Vorjahr noch eine ganz andere Macht als »echte Freunde« seines Landes: China.

Der ehemals isolationistische Riese agiert am Weltmarkt längst als quasi-imperialistischer Großkapitalist. Dabei verwenden die Gesandten Xi Jinpings keine Waffen, sondern ihre geballte Wirtschaftsmacht. Der Westbalkan ist ein wichtiger Transitteil der »One belt, one road«-Initiative. Chinesische Investitionen in Südosteuropa erreichen locker hohe zweistellige Milliardenbeträge jährlich – und das in geschlossenen Kreisläufen, denn chinesische Banken finanzieren (dringend benötigte) Infrastrukturprojekte in der Region. Mit der Auflage, dass chinesische Firmen mit dem Bau beauftragt werden. Wertschöpfung in der Region ist kaum vorhanden, China verdient hingegen gutes Geld. Die Länder Südosteuropas spielen in ihrer Not mit. Und am Schluss ist das »Reich der Mitte« mitten in Europa politisch und ökonomisch fest verankert. Jede noch so kleine Lücke, die die EU in Südosteuropa aufmacht, wird von externen Akteuren sofort gefüllt. Die Initiative der Außenminister kommt spät, aber sie ist da. Das Auftreten Europas als geopolitischer Akteur verlangt nach einer mutigen politischen Offensive. Es braucht eine offensive Politik der EU, um Stabilität in diese für Europa strategisch sehr wichtige Region zu exportieren. Die längst versprochene Visaliberalisierung für die Bürger des Kosovo gehört genauso zu einer solchen Politik, wie eine Beitrittsperspektive für die Ukraine. Je stärker der Druck der EU, desto höher auch der Druck der Bevölkerung dieser Länder auf ihre Regierungen, die notwendigen Reformschritte durchzusetzen, etwa bezüglich Rechtsstaatlichkeit und Kampf gegen die Korruption. Es ist höchste Zeit.

Philipp Jauernik studierte Geschichte und arbeitete unter anderem als Berater für Beziehungen zu Südosteuropa im Europäischen Parlament in Brüssel und Straßburg. Er ist Bundesvorsitzender der Paneuropajugend Österreich (gegründet 1922). Außerdem fungiert er als Chefredakteur des Magazins »Couleur«.

Gastkommentar, Fazit 171 (April 2021), Foto: Martin Lahousse

 
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