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Sagen wir bei der Energiewende doch offen, wie es wirklich ist!

| 2. Mai 2022 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 182, Gastkommentar

Die Diskussionen um unsere Abhängigkeiten von Russland haben gezeigt, wie unser Vorhaben, bis zum Jahr 2030 »100 Prozent Strom aus erneuerbaren Energiequellen« zu decken, zu werten ist. Als ein frommer Wunsch, weit entfernt von der Realität. Wir sind nicht ansatzweise in der Lage, in einem derartig kurzen Zeitraum die notwendigen Maßnahmen einzuleiten. Zumindest nicht ohne massive gesellschaftliche Verwerfungen. Papier ist geduldig und »Verwerfungen« ist ja auch irgendwie ein abstrakter Begriff für in gesellschaftlicher Stabilität sozialisierte Menschen.

::: Ein Gastkommentar von Johannes Roth
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Anders als zum Beispiel für Emmanuel Macron, der einen ersten Schritt in Richtung Klimaschutz gegangen war, indem er die Abgaben auf Treibstoffe erhöht hatte. Die folgenden Krawalle hatten Frankreich monatelang in Atem gehalten. Heute muss er sich nicht zuletzt deshalb wieder mit der ultrarechten Marine Le Pen um das Präsidentenamt matchen. Er weiß jetzt, was »gesellschaftliche Verwerfungen« bedeuten – und Macron ist Präsident in einem Land, das im Gegensatz zu Österreich den Wegfall fossiler Energien mit Atomkraft kompensieren kann.

Bis 2030 sind es keine acht Jahre mehr. Längst hätte man damit beginnen müssen, einen ernsthaften Plan zu entwickeln. Und, nicht böse sein, aber Kohlendioxidsteuern, das ÖBB-Klimaticket und irgendwelche Kompensationsgutscheine sind nett, aber kein Plan. 900.000 Gasheizungen einfach verbieten zu wollen – ohne Vorstellung davon, was die Ersatzenergiequelle sein soll, wie man sie einbaut oder wer die Kosten dafür trägt –, ist auch kein Plan.

Russisches Gas im Wert von 4,2 Milliarden Euro ersetzen zu wollen, indem man 250 Millionen für die Förderung von erneuerbaren Energien bereitstellt, ist genauso naiv, wie einen Komplettausstieg aus fossiler Energie einfach zu verordnen, ohne die Industrie mit Alternativen versorgen zu können. Wer jetzt erst damit beginnt, an den UVP-Verfahrensdauern zur Genehmigung neuer Kraftwerke (bis zu zehn Jahre!) zu arbeiten, der hat nicht nur keinen Plan, sondern jede Glaubwürdigkeit in der Sache verspielt. Man muss kein großer Maßnahmenskeptiker sein, um zu erkennen, was hier stattfindet, ist reiner Umweltaktionismus. Greenwashing, bei dem hier und dort an Stellschräubchen gedreht wird, um zu verbergen, dass die ökonomische, politische und gesellschaftliche Realität wirksame Eingriffe verhindert.

Nicht, dass das Erreichen von Klimazielen unmöglich wäre. Aber es ist eine Frage des Preises. Über den man uns übrigens im Unklaren lässt. Niemand spricht wirklich von den massiven Investitionen in Technologien, die nötig sein werden oder davon, wer diese Milliarden wird bezahlen müssen. Niemand zeichnet das Bild einer Bevölkerung, die sich mit Armutsgefahr, Teuerungen, Unruhen, Verzicht, zerstörten Landschaften oder politischer Neuordnung anfreunden muss.

Klar, es ist leichter, den Provokationen eines Kindermessias eine Bühne zu geben und Panik zu schüren, als darauf hinzuweisen, was tatsächlich der Preis für eine Kohlendioxidreduktion ist. Nur, eine Gesellschaft, die das alles hinnimmt, wird man von der Notwendigkeit überzeugen müssen. »Ist es das wirklich wert«, wird die Frage aller Fragen sein und wer sie nicht zweifelsfrei beantworten kann, der steht politisch auf verlorenem Posten. Wozu, wird man sich fragen, diese Kraftanstrengung, wenn sie nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sein kann? Wenn in China ein Kohlekraftwerk nach dem anderen gebaut wird, wenn der Schiffsverkehr unreguliert ein Vielfaches des Kohlendioxidausstosses von Autos verursacht?

Schon jetzt wissen viele Menschen nicht, wie sie die Kosten für Wärme, Mobilität und Elektrizität decken sollen. Ich fürchte den Tag, an dem sie erkennen, dass die Umwelt-Steuern, die Einschränkung von Mobilität – die nichts weniger ist, als ein letzter Rest persönlicher Freiheit – und die allgemeine Verteuerung umsonst gewesen sein werden. Weil es auch 2030 Wetterextreme geben wird und die Durchschnittstemperaturen trotzdem steigen. Dann wird man sich wünschen, man hätte weniger mit Angst und Panik und mehr mit besonnener Offenheit operiert. Und mit einem soliden Plan statt mit billigem Aktionismus.

Johannes Roth ist Journalist und Marketingexperte. Für das Fazit hat er in den letzten Jahren zahlreiche Titelgeschichten verfasst. Sie erreichen den Autor unter johannes.roth@wmedia.at

Zu Gast bei Fazit, Fazit 182 (Mai 2022)

 
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