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Film und Familie

| 15. Juli 2022 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 184, Fazitportrait

Foto: Heimo Binder

Vor 40 Jahren hat Alfred Ninaus, der zu den Wegbereitern des »Neuen Österreichischen Films« gezählt wird, die Filmproduktion »Ranfilm« gegründet und sich auf Dokus spezialisiert. In den letzten vier Jahren haben seine Kinder Stephanie und Matthias das Unternehmen übernommen und sukzessive ausgebaut. Mit 25 bis 30 Produktionen pro Jahr konnten sie das Projektvolumen vervielfachen und ein starkes Zeichen für die steirische Filmwirtschaft setzen.

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Graz ist um ein Filmproduktionsunternehmen reicher. Erst seit wenigen Wochen hat die »Ranfilm TV & Film Production GmbH« ihren Hauptsitz in prominenter Lage direkt neben dem Palais Saurau in der Sporgasse 27, auch wenn der bisherige Sitz in Wien erhalten bleibt. Dort wurde das Unternehmen vor vier Jahren neu gegründet, obwohl es schon seit mittlerweile genau 40 Jahren besteht. Grund war die Unternehmensnachfolge der Kinder nach dem Vater. Dahinter steckt der seit zwei Generationen bekannte Filmemacher Alfred Ninaus. Seine Tochter Stephanie (35) und sein Sohn Matthias (27) sind die neuen »Herren im Haus«, die aus einem vergleichsweise kleinen Unternehmen ein mittelständisches gemacht haben und durchschnittliche Projektvolumina in der Größenordnung zwischen 1,3 und zwei Millionen Euro pro Jahr umsetzen. Grundsätzlich haben sie das Geschäftsmodell des Vaters übernommen und produzieren in erster Linie Dokumentarfilme, diese zum Teil seriell.

Hype bei Serien
Matthias Ninaus: »Da kommt uns die Nachfrage des Publikums entgegen, denn seit einigen Jahren gibt es, wie man auf etwa auf Netflix sieht, einen Hype bei Serien. Das bezieht sich auch auf zusammenhängende Dokumentationfilme.« So haben sie etwa für die Reihen »Burgen und Schlösser« oder »Bergdörfer« bislang jeweils mehr als ein Dutzend Teile produziert. Einen hohen Bekanntheitsgrad haben aber auch die Einzeldokumentationen und Dokuserien über die Habsburger: unter anderem »Habsburgs verkuppelte Töchter«, »Die Habsburger in Mariazell«, »Die Gärten der Habsburger« in zwei Teilen oder »Die Adria der Habsburger« in drei Teilen, wobei die Geschwister Ninaus zumeist auch für Regie und/oder Drehbuch zuständig zeichneten. Wegen ihrer Interessenslagen bezeichnen sie sich intern gegenseitig gerne als »Historikerin« und »Biologen«. So ist Stephanie eher für die geschichtlichen und Matthias eher für die Natur- und Tierthemen zuständig. Da Vater Alfred seinerzeit von zu Hause aus in Eggersdorf seine Filme produziert hat, sind beide im Gymnasium Gleisdorf zur Schule gegangen, Matthias später noch in das Borg Feldbach. Ihr weiterer Ausbildungsweg führte sie in die Wiener Hofburg: Dort fanden die Vorlesungen für ihr Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft statt. Stephanie gefiel das Studentenleben bis zum erfolgreichen Studienabschluss, Matthias hingegen zog es auf schnellstem Wege in die Praxis. Er brach das Studium ab und sammelte für drei Monate an der »New York Film Academy« Erfahrung für den Beruf. Dort hatte er auch eine große Idee: Er fand heraus, dass es über den Hudson River noch keine Dokumentation gab und entschloss sich selbst eine zu machen. Gelinde gesprochen ein kühner Plan.

Foto: Heimo Binder

Top Drei
Wenn man die zweijährige Ideenentwicklung, die – auch pandemiebedingt – drei Jahre dauernde Herstellung des Films und die Zeit bis zur endgültigen Fertigstellung zusammenrechnet, hat es von der Idee bis zur Austrahlung im Dezember 2021 im Rahmen der »Universum«-Reihe des ORF sechs Jahre gedauert. Dafür zählte es im Vorjahr zu den Top Drei der quotenstärksten Universum-Produktionen. Um so ein Projekt durchzuziehen, bedarf es eines langen Atems und einigen Produktionsgeschicks. Dass der amerikanische Smithsonian-Channel sich beteiligt und letztlich die Ausfinanzierung abgesichert hat, war ein ebenso wichtiger wie glücklicher Umstand. »Normalerweise beträgt die Herstellungsdauer eines Natur- oder Tierfilms zwei bis drei Jahre«, so Matthias Ninaus. Was im Vergleich mit einer der erwähnten Habsburg-Dokus wiederum auch lang ist. »Aber«, so Ninaus, »bei Tierfilmen kann man nicht von einer sonst üblichen genauen Tagesdisposition ausgehen, »Wild Life« ist nicht planbar.« Und belegt das mit folgender Geschichte: Das Team ist auf einen Weißkopfadler gestoßen, der einen Kadaver beobachtet hat. Zwei Tage lang hat er sich nicht von der Stelle gerührt, dann erst ist er hingeflogen. »Auch deswegen ist ein Budgetpuffer notwendig,«, wissen die beiden jungen Produzenten. »Und wir sind breit aufgestellt«, erklären die beiden. »Wir machen Dokus zu historischen Themen, Tier- und Naturdokus, aber auch zu Kultur und Brauchtum.« Dabei ist den Geschwistern anzumerken, wie faszinierend sie ihre Arbeit finden. Stephanie Ninaus: »Ich kann zum Beispiel Experten für Informationen interviewen und historische Fachberater miteinbeziehen, wenn es schwierig wird. Bei Habsburgs verkuppelten Töchtern gibt es unglaublich starke Frauen, die bis ans Ende der Welt geschickt wurden, wie zu Beispiel die Leopoldine nach Brasilien, die sich dann massiv für die Unabhängigkeit des Landes eingesetzt hat. So ist auch der Unabhängigkeitsvertrag von Brasilien von Leopoldine unterschrieben.«

Vorteil Digitalisierung
Seit Alfred Ninaus das Unternehmen im Jahr 1982 gründet hat, hat sich viel verändert. Die Digitalisierung hat nicht nur das Zelluloid verdrängt, sie hat auch Platz geschaffen. Das heutige Equipment beim Film ist kaum mehr vergleichbar mit früher. Alles ist kleiner und – so man nicht allzu analog verhaftet ist – einfacher geworden. Von der Kamera bis zum Schnittplatz. Alfred Ninaus, der vor allem mit dem Sozialdrama »Lauf Hase, lauf« von 1979 bekannt geworden ist, und als so frischer wie frisch gebackener Siebziger nach wie vor im Einsatz ist und Filme macht – nunmehr im Auftrag seiner Kinder – erinnert sich: »Nachdem »Vom Raurisertal zum Hochkönig« als Teil der »Bergdörfer«-Serie schon fertig ist, habe ich soeben »Habsburgs Süden – in der Toskana« und »Habsburgs Süden – in Istrien« mit einem Team fertiggedreht. Das besteht aus vier Personen. Dem Regisseur, einem Kameramann, einem Assistenten, der auch den Ton macht und einem Drohnenkameramann. Was für ein Segen die Drohnen sind! Für »Mythos Ausseerland« haben wir 2012/13 noch mit Hubschraubern gearbeitet. Nach vier Starts waren 34.000 Euro weg.« Die »Ranfilm« verfügt heute über ein Equipment von geschätzten 200- bis 250.000 Euro inklusive vier Schnittplätzen in Graz und Wien, wo auch parallel gearbeitet werden kann. Der Senior ist auch vom digitalen Schnittsystem »Avid« begeistert: »Früher mussten wir für jede simple Überblendung mit meterweise Zelluloid in ein Trickfilmkamerastudio zum Belichten, heute genügt ein Mausklick.«

Filmkosten und Förderungen
In Österreich kostet ein Spielfilm für das Kino rund 1,5 bis drei Millionen Euro, für das Fernsehen rund 800.000 bis eine Million Euro. Ein Tatort etwa schlägt bereits mit 1,5 Millionen zu Buche. Spielfilme werden hier wie dort immer höher budgetiert als Dokumentationen. Eine internationale Universum-Sendung kostet etwa 400.000, eine nationale 300- bis 350.000 Euro. Eine serielle 45 Minuten lange Ninaus-Dokumentation für das TV ist mit 80.000 Euro machbar. So zum Beispiel »Burgen & Schlösser« oder »Österreichs und Südtirols Bergdörfer«, sodass für zehn Folgen ein Budget von 800.000 Euro veranschlagt wird. Beide sind Publikumserfolge, so hatte Erstere bei der Erstausstrahlung als 3-Sat-Produktion insgesamt vier Millionen Zuseher und eine 3. Staffel mit 10 Folgen ist gerade in Arbeit, Letztere hatte auf ORF-3 1,3 Millionen Zuseher und auch hier wird zurzeit eine zehnteilige Fortsetzung gedreht. »Die »Bergdörfer« wurden bislang mit zwei Preisen bei den »Deauville Green Awards« ausgezeichnet, womit sie sich gegen 500 andere internationale Filme durchgesetzt haben«, so die Geschwister Ninaus. Wenn Spielszenen eingebaut sind, erhöhen sich die Kosten auf 150- bis 200.000 Euro.
Kleine Förderkunde: Der Sender (ORF) finanziert rund 30 Prozent, der Fernsehfonds Austria (RTR) bis zu 20 Prozent, die Filmförderungen der Länder 30 Prozent. Dann fehlen noch immer 20, die der Produzent, etwa über Gemeinden und Tourismusregionen auftreiben muss. Dem Produzenten stehen 15 Prozent des Gesamtbudgets zu: 7,5 Prozent Handlungsunkosten, das sind Infrastrukturkosten der Produktionsfirma und 7,5 Prozent als Gewinnziel.

Foto: Heimo Binder

30 Produktionen in einem Jahr
Allein für 2022 sind 30 Produktionen vorgesehen. Matthias Ninaus: »Deshalb haben wir in den letzten drei Jahren das Unternehmen so massiv ausgebaut, mit zwei Standorten, in Wien und Graz, wir haben die Infrastruktur vergrößert und moderne Schnittplätze geschaffen.« Außerdem hegen sie Spielfilmambitionen für das Kino. Etwa »Jacky Cola«, inspiriert von wahren Ereignissen in der Drogenwelt oder »Toro«, ein Film mit Schauspielerstar Murathan Muslu in der Hauptrolle und einem Oscarpreisträger als Drehbuchautor, der noch geheim bleiben soll. (Hoffentlich schaut niemand auf die Website.) Wegen des gesteigerten Arbeitsaufwands haben sich Stephanie und Matthias Ninaus mittlerweile aus dem operativen Teil weitgehend zurückgezogen und konzentrieren sich auf die Aufgaben als Produzenten. Deshalb seien auch die Teams so wichtig, denen sie voll und ganz vertrauen müssen. Fünf Mitarbeiter sind fix angestellt für Herstellungsleitung, Produktionsassistenz, Buchhaltung und Controlling sowie Postproduktionsassistenz. Auch zwei bis drei Cutter sind zusätzlich immer dabei, weil es so viele Projekte gibt. Drehbuchautoren und Regisseure werden projektbezogen beauftragt. Dabei freuen sich die Geschwister über langjährige Weggefährten wie Fritz Aigner und natürlich auch Vater Alfred, dessen Energielevel immer wieder alle beeindruckt. Als professionelle Produzenten, die bei jeder Produktion nicht nur das Letztentscheidungsrecht haben, sondern auch die Letztverantwortung, hetzt das Geschwisterpaar von Termin zu Termin und ist sich darüber im Klaren, dass das mit Familie gar nicht funtionieren würde. »Deswegen nutzen wir jetzt die Zeit, um das Unternehmen weiter aufzubauen«, erklären sie unisono. Dabei steht die Finanzierung an oberster Stelle und dafür gibt es in der Filmbranchen in der Regel nur drei Wege: Förderungen, Coproduktionen und Filmmessen. Auf den Messen war und ist gerade Hochbetrieb. Die Fernseh-Messe »Miptv« in Cannes war bereits im April, die »Mipcom« findet im Herbst statt, jetzt im Juni trifft sich in La Rochelle die internationale Dokumentarfilmbranche, ein Pflichttermin für »Ranfilm«. Hier beim »Sunny Side Of The Doc«-Festival macht Matthias Ninaus das, was alle Produzenten machen: persönlich neue Projekte präsentieren, alte Projekte verkaufen und für laufende Projekte Finanzlücken schließen. Er mag das.

Ranfilm TV & Film Production GmbH
8010 Graz, Sporgasse 27
Telefon +43 664 9161952
ranfilm.at

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