Anzeige
FazitOnline

Universum Theatercafé (Best of Fazitportrait)

| 27. Dezember 2022 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 189, Fazitportrait

Foto: Marija Kanizaj

Als Tanja Baumgartinger im Jahr 2008 das Grazer Theatercafé kaufte, hatten sie und Manfred Koch bereits langjährige Erfahrung im Lokal von Dieter Slanz und sie wollten vor allem eines: die Kleinkunstbühne retten. Mit bis zu 25 Mitarbeitern ist ihnen das auch gelungen. Schauen Sie sich das an.

::: Hier im Printlayout online lesen

Selbstverständlich läßt sich auch Unbeschreibliches beschreiben, wenn auch auf die Gefahr hin, dass der Mythos stirbt. Das will dem Theatercafé niemand antun. Wäre auch nicht möglich, zu mächtig ist seine Vergangenheit, zu dunkel sein Inneres. Daher kann jedwede Beschreibung nur der klägliche Versuch einer Annäherung an das Stockdunkle sein. Aber was will man dort schon sehen?

Mit dieser Einleitung sei begründet und vorgewarnt zugleich, dass in Umkehrung der üblichen Weise, wie ein Fazitportrait gestaltet ist, diesmal der Kunst der Abschweifung möglicherweise der größere Raum eingeräumt wird, als dem Portraitierten selbst. Dennoch, es scheint nur so.

Foto: Marija Kanizaj

Aus irgendeinem Grund muss ich beim Theatercafé immer an Jorge Luis Borges denken, wenn er schreibt: »Wenn die Seiten dieses Buches den einen oder anderen glücklichen Vers gewähren, so möge der Leser die Unhöflichkeit verzeihen, dass ich ihn mir als erster angemaßt habe. Unsere Nichtigkeiten unterscheiden sich kaum; es ist ein bedeutungsloser und zufälliger Umstand, dass du der Leser dieser Übungen bist und ich ihr Verfasser.« In seiner Vorstellung von einer kreisförmig verlaufenden Zeit ist jeder Mensch schon einmal jeder andere gewesen, so war etwa schon jeder einmal Homer. Wie unterschiedlich die Gäste des Theatercafés auch immer gewesen sein mögen, im Borges‘schen Sinne fällt es leicht, ihnen Sympathie entgegenzubringen, schließlich könnte man bereits jeder von ihnen gewesen sein.

Künstler und Bohemiens
So auch jener Wolfgang Bauer, der im zum Glück vergriffenen Buch »Eierspeis und Kabarett« vom langjährigen Theatercafébesitzer Dieter Slanz und dem vormaligen Kulturchef des steirischen ORF Peter Wolf prominent – wie er nun einmal war – vorkommt. »Zum Glück vergriffen« wohlgemerkt nicht, weil es so schlecht ist, ganz im Gegenteil, ist es doch eines der letzten und damit wertvollsten Zeugnisse darüber, wie es einmal war, sondern weil es nunmehr leicht und vergnüglich ist, daraus abzukupfern, ohne dass es gleich wer merkt. Tatsächlich hat Wolfgang Bauer als Zentralgestalt der 60er Jahre die literarische und die gesamte künstlerische Entwicklung entscheidend geprägt. Der Mythos der »wilden 60er Jahre in Graz« geht wesentlich auf ihn und seinen Freundeskreis zurück und bewirkt heute noch, dass die Lokale, in denen er verkehrte – auch wenn sie gar nicht mehr existieren – zur Legende wurden: Haring, Kodolitsch, Lückler und eben das Theatercafé.

Das Buch hält eine Anekdote bereit, die Bauers prophetische Grenzgenialität bis in die Gegenwart zu bezeugen scheint. Nach einer Vorstellung war die Bühne noch nicht weggeräumt worden. Wolfgang Bauer betrat mit seiner Frau das Lokal und ging sofort auf die Bühne. Zehn Minuten lang rezitierte er: »Die Grünen sind Scheiße, scheiß Grünen, die Grünen sind Scheiße, scheiß Grünen«, dann ging er wieder von der Bühne und setzte sich zu seiner Frau. Diese meinte, ob er nicht noch einmal hinaufgehen und noch etwas machen könne. Darauf er: »Bist deppert, glaubst mir fällt immer so was Gutes ein!«

Bühne retten
Es grenzt an ein Wunder, dass es dieses Lokal überhaupt noch gibt. Als Dieter Slanz das Theatercafé 1962 von seinem Großvater mit den Worten »Du kannst es selbst führen oder verkaufen« übertragen bekam, war er 21 Jahre alt. Er verkaufte es erst 46 Jahre später an Tanja Baumgartinger und verstarb bereits im Jahr darauf. Sie führt es seit 2008 gemeinsam mit dem Leiter der 1983 entstandenen Kleinkunstbühne »Hin & Wider«, Manfred Koch. Die beiden Kärntner sind Jugendfreunde, seit 30 Jahren ein Paar und seit diesem Sommer verheiratet. Dass sie Betriebswirtschaft fertig und er Maschinenbau fast fertig studiert hat, ist nicht von Nachteil. »Wir haben beide schon jahrelang bei Dieter Slanz im Theatercafé mitgearbeitet und 2008 war unser erster Gedanke: Die Kleinkunstbühne muss gerettet werden«, schildert die Wirtin. Das ist den beiden in fulminanter Weise gelungen.

Foto: Marija Kanizaj

Wie der Name der Bühne »Hin & Wider« anklingen läßt, war ihre Nutzung ursprünglich eher sporadisch geplant. Das ist anders geworden: Kabarettvorstellung ist jeden Tag! Außer sonntags und montags, da hat das Theatercafé geschlossen. Stimmt auch nicht ganz, denn jeden vierten Sonntag steht Varieté am Programm. »Ursprünglich wollten wir nach dem Cabaret zusperren, aber das ist wirtschaftlich nicht möglich«, so die Betriebswirtin. Sie haben mit dem Lokal das einzig Richtige gemacht: nichts verändert. Sogar die Speisekarte ist gleich wie vor sechzig Jahren. Gulaschsuppe, Würstl, Toast, Punkt. Und dann das, wofür das Theatercafé berühmt ist: Eierspeis. Mit Kernöl, mit Grammeln, mit Spinat – es gibt quasi unzählige Varianten. Ein absolutes Muss, mythosbehaftet mit einem Hauch Abenteuer, letzteres allerdings für den Koch. Dieter Slanz hatte vom Aufschlagen der Eier einen Tennisarm – ärztlich verbrieft.

Parallel- und Gegenwelten
Ursprünglich war das Theatercafé eine Spelunke; eine andere Welt ist es immer noch. Der Besuch einer Gegenwelt mag eine Flucht sein, aber kleine Fluchten sind legitim, oft notwendig und der Erheiterung der Seele jedenfalls dienlich. Nach neuesten Theorien der Quantenphysik leben wir – unser ganzes Universum betreffend – doch auf einer Scheibe, einer Art Membran, die unmittelbar neben unzähligen anderen Membranen in einem großen Ganzen aufgehängt ist wie Wäsche an Wäscheleinen. Die anderen Wäschestücke sind völlig andere Welten, Parallelwelten oder Gegenwelten, mit völlig anderen Naturgesetzen. Die Physiker des 21. Jahrhunderts vermuten, dass es aber einige Gesetze und Kräfte gibt, die alle Welten durchdringen, so zum Beispiel die Schwerkraft. Man könnte nun die Behauptung aufstellen, dass diese Theorie bei Besuchen der Gegenwelt »Kaffeehaus« untermauert wird. In der Mandellstraße 11 – es gibt sogar ein Buch gleichen Namens aus dem Jahr 1993, erschienen anläßlich des zehnjährigen Jubiläums der Kleinkunstbühne Hin & Wider – genauer in eben jenem Theatercafé, scheinen tatsächlich andere Naturgesetze zu herrschen. Generationen von Strizzis, Studenten und Künstlern, aber auch völlig Unverdächtigen können bestätigen, dass dort die Stundentrommel anders schlägt. Dass Wertigkeiten sich verschieben, dass Gemüter aufhellen, dass Schwingungen unbekannter Natur Geist und Seele positiv beeinflussen.

Aufschläger, Taverne, München, Theatercafé
Das Universum Mandelstraße 11 wurde in den Jahren 1866 /67 in Form eines Hauses von Josef Aufschläger erschaffen, 1885 erschuf er das erste Lokal, das Café Aufschläger. Auch das Nachfolgelokal von 1920, die »Taverne«, war von nobler Sorte, teilweise sogar schon mit Unterhaltungsprogramm. Weniger unterhaltend war das Nachfolgelokal »Café München« in den 1930er Jahren, Treffpunkt von Nationalsozialisten, wo auch der Gauleiter seinen Stammtisch hatte. 1945 erfolgte der Neubeginn mit Thilde Amschl und dem heutigen Namen »Theatercafé« mit Gastgarten im Hof. 1950 übernahm Jakob Dieter, der Großvater von Dieter Slanz das Café und 1962 übergab er an den Enkel. Bis auf die Bar, die heute als Künstlergarderobe dient, ist die Einrichtung seit damals gleich und sie steht – ein Kuriosum – unter Denkmalschutz, was auf das Betreiben von Slanz zurückzuführen war.

Das Tapetengeheimnis
Wer bis hierher gefolgt ist, wird mit einem Geheimnis belohnt. Der Zauber des Theatercafés entspringt einerseits der vollständigen Vermeidung von Tageslicht, bei einem Nachtcafé nicht ganz überraschend, andererseits aber auch der wirklich kräftigen Patina, die alles zu überziehen scheint, so auch die Tapeten. Aber – die ist nicht ganz echt. Anläßlich von ORF-Aufnahmen Anfang der 1980er Jahre habe Dieter Slanz extra neu austapezieren lassen, woraufhin künstlich nachpatiniert wurde. Kommt in den besten Universen vor und ist auch schon im wahrsten Sinn verjährt.

Das Spelunkenhafte ist besser belegt. Die illustre Gästeschar in den Neunzehnsechzigerjahren »bestand aus Strizzis, Zuhältern und Huren sowie Berufskartenspielern«. Es war ein langer Weg, gepflastert mit neun Vorstrafen, bis Slanz diese Gäste buchstäblich rausgeworfen hatte. Sein Trick war es in der Folge, vielen Vereinen beizutreten, um neue Gäste zu akquirieren, was ihm auch gelang. Eine Aufgabe, die auch Tanja Baumgartinger zu meistern hatte: »Wir mussten uns um junges Publikum bemühen und uns etwas einfallen lassen.« Abgesehen von täglichem Kabarettprogramm war ein Magnet, wie seinerzeit der legendäre »Herr Albin« am Klavier vonnöten. In seiner Nachfolge etablierte sich schließlich die »Jazz-Night«. Donnerstag nach dem Kabarett ab 23 Uhr kommen in Kooperation mit der Kunstuni Graz Musiker und Studierende des Jazzinstituts zum Jammen ins Theatercafé. Und die Hütte ist voll! Insgesamt weiß Baumgartinger: »Das Publikum ist total durchmischt, da sitzen die Burschenschaftler neben den Dreadlocks und alle lassen sich gegenseitig in Ruhe.«

Nachwuchswettbewerb
An den Kabarettnachwuchs wird bereits der 31. Grazer Kleinkunstvogel vergeben. Das Theatercafé darf sich mit der Bezeichnung »ältester deutschsprachiger Nachwuchswettbewerb« schmücken und hat schon viele »Stars« hervorgebracht, als da etwa sind: Mike Supancic, Michael Mittermeier, Martin Puntigam, Markus Hirtler, Clemens M. Schreiner oder Paul Pizzera. Aber auch die »Alten« wie etwa Andreas Vitasek haben schon im Theatercafé ihre ersten Sporen verdient.

Foto: Marija Kanizaj

Die an der Eingangstür angegebenen Öffnungszeiten (22 bis 4 Uhr) haben sich wegen des täglichen Kabaretts auf 20 Uhr nach vorne verschoben, Einlass ist schon eine Stunde vorher. Auch schon länger nicht mehr dort gewesen, werden jetzt viele denken. Hin und wieder erscheint es notwendig und ratsam, einfach ins Theatercafé zu gehen. Was ist es in Wahrheit anderes als Quell von Lebensfreude und Hoffnung, Spender von Trost, Kurort auf Zeit, zeitloser Schutzraum mit Schwerkraft? – Da ist sie wieder. Die Raumzeit, ein Begriff aus der Quantenphysik; diese Geschichte ist nicht leicht verständlich, aber das Theatercafé hat irgendetwas damit zu tun.

Theatercafé
8010 Graz, Mandellstraße 11
Telefon +43 316 842043
hinwider.com

Best of Fazitportrait, Fazit 189 (Jänner 2023) – Fotos: Marija Kanizaj
Dieses Fazitportrait erschien erstmals im November 2017.

 
Anzeige

Wellbeback

 

Kommentare

Antworten