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Außenansicht (72)

| 9. Juni 2026 | Keine Kommentare
Kategorie: Außenansicht, Fazit 223

Kritik ist nicht die einzige Funktion von Journalismus. Schreibt doch alle mehr über das Positive im Leben«, sagte Franz. Wir gingen von Grinzing entlang der Weingärten zu einem alten Gasthaus, das übrigens geschlossen war, als wir es erreichten. Der Wirt erklärte lange schon den Gästen, dass er einen neuen Käufer gefunden hätte und endlich in Pension gehen könne. Ich nahm es nie ernst, auch andere Gäste nicht, wir gewöhnten uns an sein Jammern, während er ein wunderbares Gulasch mit zwei Semmelknödel brachte. Jetzt ist es doch zu.

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Aber darum ging’s nicht während unserer Wanderung. »Was meinst du, worüber sollten wir schreiben«, fragte ich Franz. »Es fehlen Analysen, Reportagen auch Interviews, die einfach nur informieren ohne kritisch zu bewerten,« sagte Franz. Er zwang mich, meine Aufzählung von Katastrophen während der Wanderung zu unterbrechen. Begonnen hatte ich mit dem Krieg gegen den Iran, bis ich bei Vizekanzler und SPÖ-Chef Babler angekommen war. Da wurde nichts ausgelassen.

Doch es ging ja ums Schreiben, also verteidigte ich mich, dass viele meiner Texte durchaus positiv seien. »Nein, sind sie nicht«, antwortete Franz, »du flüchtest dich in die Vergangenheit, Jahrestage und Jubiläen, jeder aktuelle Text ist die Analyse einer Katastrophe.« Ich dachte an meine Schreibereien und musste ihm zustimmen. »So wie viele deiner Kollegen glaubst auch du, dass Kritikfähigkeit gleichbedeutend mit Qualität ist,« sagte Franz, »ist es aber nicht, irgendwann prallt Empörung ab vom Leser wie ein Tennisball vom Schläger.« Wieder drängte er mich in die Verteidigung, und ich erwiderte, das sei notwendig im Journalismus und sei auch eine gesellschaftliche Verantwortung. »Vielleicht hast du recht,« antwortete er, »aber es macht das Lesen oft unendlich langweilig.«

Um den Weg bis zum (geschlossenen) Gasthaus nicht mit mühsamer Diskussion zu belasten, sagte ich: »Gut, ich werde bis zum Gasthaus über Positives sprechen, was mir gefällt, mich überrascht und erfreut.« Franz nickte nur und murmelte etwas Unverständliches, was etwa so klang, als wäre er schon neugierig.

»Nur ein Gedanke noch«, sagte ich, »ist nicht kritischer Journalismus eine wichtige Verantwortung in der Demokratie?« Franz schüttelte den Kopf und sagte: »Ich wusste, dass dir nichts einfällt, du machst einfach weiter mit Rechtfertigung. Natürlich ist kritischer Journalismus eine wichtige Verantwortung, es gibt jedoch auch das Bedürfnis nach interessanter Information, die nicht Zugedecktes aufdeckt. Bei vielen Texten hat man den Eindruck, der Leser sollte erschreckt werden, über einen Missstand, den er nicht kannte, und dankbar sein müsste, es endlich zu erfahren.«

»Ist der kritische Zugang zu Information durch die Medien langweilig geworden?« Fragte ich Franz. »Ja und nein«, sagte er, »das läßt sich nicht verallgemeinern, es gibt wichtige, bisher unbekannte Skandale, die erst durch die Publikation bekannt, und sonst einfach verheimlicht werden. Was uns fehlt, sind ausgleichende Lesestrecken, die uns nicht erschüttern, wie kaput alles ist, sondern Mut machen, uns beim Lesen beruhigen, oder zum Lachen bringen. Humor ist ja vollständig verschwunden.«

Ich dachte an mein Leseverhalten. Und musste mir eingestehen, dass ich vor allem bei Onlineangeboten von Zeitungen und Magazine nach dem Überfliegen der politischen Seiten, den Reiseteil ausführlich studiere. Neue Hotels, unbekannte Inseln und leere Strände faszinieren mich mehr als ein korrupter Bürgermeister, der ein Weideland mit Kühen kaufte und umwidmen liess in Bauland ohne Kühe.

»Der investigative Journalismus kann doch nicht plötzlich überholt sein?« Fragte ich Franz. »Er ist sicher nicht überholt, er ist heute so wichtig wie zu Zeiten von Egon Erwin Kirsch,« antwortete er. »Den kennt niemand mehr«, entgegnete ich ihm. »Stimmt auch wieder«, sagte er lachend, »aber die Aufdeckung des Skandals um den Spion Alfred Redl ist immer noch ein Höhepunkt des österreichischen Journalismus, doch gleichzeitig wurden die wunderbaren Reportagen von Joseph Roth veröffentlicht, völlig sensationslos, das war rückblickend eine perfekte Ergänzung, so eine Kombination wäre heute der Traum aller Leser und Leserinnen.«

»Tja,« seufzte ich, »aber wo sollen wir sie nur finden, solche Talente?«

Außenansicht #72, Fazit 223 (Juni 2026)

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