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Der Alien-Jörg

| 9. Juni 2026 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 223, Fazitbegegnung

Foto: Andreas Pankarter

Die meisten in Graz kennen ihn, eher flüchtig, eher nebenbei. Jörg Mackeldey steht regelmäßig in der Herrengasse, auf der Erzherzog-Johann- vormals Hauptbrücke oder am Bahnhof und verkauft Brezen, genauer Wagner-Brezen der Bäckerei Strohmayer, das Stück zu 1,80 Euro. Eigentlich müsste er ja »Brezel-Jörg« heißen, wäre da nicht sein ausgeprägtes Faible für Aliens. Dass sie schon lange da sind, ist für ihn eine klare Angelegenheit – wer sonst hätte zum Beispiel die Pyramiden im alten Ägypten bauen sollen?

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Sein Ziel, zu diesem Thema ein Buch zu schreiben, ist nicht nur seiner überbordenden Phantasie geschuldet, sondern eine echte Ansage angesichts der prekären Lebensverhältnisse in seiner Kindheit und Jugend. Aufgewachsen in einer Kellerwohnung mit einer alleinerziehenden alkoholkranken Mutter, lernte er als vormaliger Sonderschüler erst mit 20 Jahren lesen und schreiben. Zu seinem jordanischen Vater hatte er nie Kontakt. Seine vier Halbgeschwister lernte Jörg Mackeldey zum Teil erst mit 40 Jahren kennen. Eine frühe Ehe und ein Kind wären seine Rettung gewesen, meint er heute, auch wenn er längst wieder geschieden ist. Schließlich erlernte er den Beruf des Bäckers, den er 35 Jahre lang bei Strohmayer ausübte.

Seine abenteuerlichen Einfälle und Ideen notiert er auf den für die Brezen vorgesehenen Papiersäckchen und überträgt sie später auf Handy und Computer. Dabei setzt er auf die Hilfe einer Freundin und in der Folge auf KI. Die künstliche Intelligenz soll ihm letztlich dabei helfen, sein Buch zu finalisieren. »Ein zweites habe ich bereits im Kopf«, meint er verschmitzt. Dass er Köpfchen hat und trotz seiner ursprünglich schlechten Ausgangsposition mit Tatendrang und Fleiß den Unbillen des Lebens Widerstand leistet, hat der Sechzigjährige längst bewiesen. Vom unselbstständigen Arbeitnehmer mutierte er zum Unternehmer und die Brezen verkauft er als Franchisenehmer. Die Standplätze wie jener an der Ecke Herrengasse/Hans-Sachs-Gasse am Eisernen Tor »gehören« Strohmayer, doch Mackeldey muss nichts bezahlen. Dafür teilt man sich die Einnahmen der Brezen – in welchem Verhältnis solle natürlich Betriebsgeheimnis bleiben. Seit einiger Zeit ist Sohn Daniel (40) der Chef und Vater Jörg sein Angestellter. Mit zwei weiteren Mitarbeitern betreiben sie das Geschäft mit den Brezen: »Wir müssen schon einiges verkaufen, aber wir können leben.« Pro Tag sollten 800 bis 1000 Brezen über die kleinen Verkaufstische gehen, sechs Tage in der Woche, der Sonntag ist frei. »In der Herrengasse sind wir von 8 Uhr 30 bis 18 Uhr da, am Bahnhof beginnen wir schon um 7 Uhr in der Früh bis etwa 18 Uhr 30, je nachdem, wann wir ausverkauft sind.« Dort gibt es auch im Keller einen Ofen zum Ausbacken von eingefrorenen Brezen, so entsteht da seit fast 20 Jahren nie ein Verlust. Seit 2012 steht Jörg am Vormittag von 9 bis 13 Uhr meistens auf der Brücke. Dort gehe am Nachmittag das Geschäft nicht so gut, daher wechselt er am Nachmittag in die Herrengasse und löst den dortigen Mitarbeiter ab. Auch in Leoben hatten die Mackeldeys zehn Jahre lang einen Brezenstand mit Lebensmitteln. Zwischen 2017 und 2020 betrieben sie die »Uhrturm-Bäckerei« in der Herrengasse: »Mit Corona haben wir das aufgegeben. Und am Jakominiplatz hatten wir zwischen 2013 bis 2018 im Winter einen Donutladen.«

Gänzlich selbstständiger Unternehmer ist er seit 2024 mit einem 24-Stundenautomatenshop für Snacks und Getränke in der Nähe des Augartens. Jeden zweiten Tag werden die Automaten aufgefüllt. »Man muss drei bis vier Dosen Bier pro Tag verkaufen, dann gehen sich die Leasingraten für die Automaten aus«, rechnet er vor. Der Firmenname des Shops: »Der Alien Jörg«.

Der begeisterte Tänzer (im »Schiwago« oder im »Ankerpunkt«) ist auch ein exzessiver Zeichner, der ganze Städte wimmelbildartig zu Papier bringt sowie Portraits in autodidaktischer Art-Brut-Manier. Seine Lieblingsidee ist noch in Entwicklung, Prototypen existieren bereits – ein Dosengetränk mit dem Antlitz eines Aliens. Name: »Der Alien«, als Marke von ihm bereits für zehn Jahre in Europa geschützt. »Das habe ich mir von meiner Abfertigung geleistet.« Außerdem hat Jörg Mackeldey einen Traum: »Wenn mein Buch ein Bestseller wird, mache ich ein Katzen-Café auf. Dafür spare ich jetzt schon.«

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Hans Jörg Mackeldey wurde am 1.4.1966 in Graz geboren und wuchs in prekären Verhältnissen auf. Er betreibt in Zusammenarbeit mit der Bäckerei Strohmayer, wo er 35 Jahre als Bäcker gearbeitet hat, zusammen mit seinem Sohn Brezenstände an drei prominenten Standorten in Graz. Im Übrigen glaubte er an das Gute und an Aliens, womit er keineswegs allein ist.

Fazitbegegnung, Fazit 223 (Juni 2026) – Foto: Andreas Pankarter

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