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Zwei von Millionen

| 25. Mai 2012 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 83, Kunst und Kultur

»Bartleby oder Sicherheit ist ein Gefühl« ist eines der besten Stücke der auslaufenden Spielzeit am Schauspielhaus. Damit es auf der Probebühne nicht übersehen wird.

Harmloser als mit einer Gesangseinlage aus dem Musical »Elisabeth« kann ein großes Theaterstück kaum beginnen. Und so ist es irgendwie lustig und irgendwie auch sehr rührend, wie Katharina Klar mit ihrer inbrünstigen Interpretation des geschmacklosen Gassenhauers »Ich gehör nur mir« den Abend eröffnet. Und irgendwie ist das auch noch sehr passend. Denn im chaotischen Kosmos unserer Zeit ist das permanente Beharren auf das eigene Selbstbewusstsein lebensnotwendig geworden. Und Regisseur Boris Nikitin, der nach »Der Fall Dorfrichter Adam« zum zweiten Mal Regie am Schauspielhaus führt, schaffte es, diese Autopoiesie virtuos zu inszenieren. »Sicherheit ist ein Gefühl« – so der treffende Untertitel der neuen Schauspielhaus-Produktion »Bartleby« – die Sicherheit über uns selbst, über das, was wir wollen, und das, was ein Zuschauer vom Theater will. Schauspiel, das sich selbst reflektiert, das sich selbst nicht immer ernst nimmt und noch weniger seine Zuschauer. Theater, das sich so die Freiheit erkämpft wieder zu spielen und nicht aufzuführen. Es verwundert daher auch nicht, dass man sich häufig an den deutschen Regisseur René Pollesch erinnert fühlt, wenn die Schauspieler Katharina Klar und Lorenz Kabas sich während des Stückes erst einmal vorstellen und erklären, was nun passiert, passieren soll und passieren wird.
Konsequent ist es, dass Katharina Klar mit ihren 25 Jahren eben genau zu jener Generation gehört, die sich über nichts mehr sicher sein kann. Nicht mal darüber, dass es keine Sicherheit mehr gibt. Konsequent auch, dass ihr Bühnenpartner und ehemaliger Schauspiellehrer Kabas sich im Laufe des Stückes immer mehr zurückzieht und nur noch für die im Hintergrund plätschernden Melodien zum sich ständig steigernden Exzess aus Selbstzweifeln sorgt. Im Vordergrund zeigt Klar ihr ganzes Talent und Können und schreit sich ein wildes Konglomerat von Zitaten, Ideen und Anarchismen von der Seele. Aus ihrem Gebrüll über die Unmöglichkeit eines richtigen Lebens im falschen, die Paradoxien der Selbstbestimmung und die Katastrophe des Protests, der inzwischen vollkommen unmöglich geworden ist, ergibt sich ein fesselnder Einblick in die Schizophrenie einer ganzen Generation, der zumindest erahnen lässt, warum so viele »dagegen« sind und noch einmal genau so viele dagegen sind, dagegen zu sein.
Dabei lässt sich eine Assoziation mit Roland Düringers »Wutrede« kaum vermeiden, aber auch das ist eben Teil jener Paradoxie – selbst das Gebrüll und der Exzess sind längst etablierte Ausdrucksformen. Keiner kann mehr etwas tun, was nicht in irgendeinem Zusammenhang steht. Und das macht es so schwierig überhaupt noch etwas zu tun, was einfach getan wird, weil es getan werden will. Und so wird sich wohl auch nie mit Sicherheit sagen lassen, ob dieses Stück und mit ihm Katharina Klar nun unbedingt, eventuell oder keinesfalls auf die große Bühne des Schauspielhauses müssten. Aber es sollte gewollt werden müssen.

::: Bartleby oder Sicherheit ist ein Gefühl
::: Probebühne im Schauspielhaus Graz, nur noch am 6. und 16. Juni, jeweils 20 Uhr

Kultur undsoweiter, Fazit 83 (Juni 2012)

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