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Zu Gast bei Fazit

| 20. Dezember 2013 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 99, Gastkommentar

Mediengeilheit hilft. Einen Platz im Haubenrestaurant zu bekommen, ohne es kaufen zu müssen. – Kommentar in drei Akten von Martin Novak.

Wären Sie lieber Hauptaktionär von Black-Rock oder von Apple? Von Black-Rock natürlich, sonst hätte ich ja nicht gefragt. Gute Antwort: Black-Rock ist Hauptaktionär von Apple. Und von Exxon Mobil, von Google, Microsoft, Nestlé … und noch ein paar Unternehmen, von denen die meisten Leute lieber Hauptaktionär wären als von Black-Rock. Aber nicht Sie und ich. Sie, weil sie Bescheid wissen. Ich, weil ich kürzlich gelesen habe, dass Black-Rock der größte Investor der Welt ist. Es war die Titelgeschichte im Economist. Mit hoher Wahrscheinlichkeit hat Black-Rock diese Geschichte nicht gewollt, sie ist passiert. Vermutlich hat das Unternehmen aber nicht versucht, sie zu verhindern. Es wäre auch kaum gelungen. Selbst dann, wenn man Hauptaktionär des Unternehmens ist, das Hauptaktionär des Economist ist. Genutzt hat der Beitrag Black-Rock aber ebenso wenig. Entscheider kannten Black-Rock vorher schon und auf Nichtentscheider kommt es nicht an.

Erster Akt. Man kann nicht sagen, dass John Alcock es nicht in die Medien geschafft hat. Es war sogar auf der Titelseite der New York Times zu lesen, dass er 1919 als erster Mensch gemeinsam mit seinem Navigator Arthur W. Brown einen Nonstop-Flug über den Atlantik geschafft hat. Und zwar acht Jahre, bevor Charles Lindbergh als erster Mensch über den Atlantik geflogen ist. Charles Lindbergh? Genau, der ist doch als erster Mensch über den Atlantik geflogen. Nein, ist er nicht. Er ist nur als erster Mensch allein über den Atlantik geflogen. Und er ist nicht wie Alcock von Neufundland nach Clifden an die irische Westküste geflogen, sondern von New York nach Paris. Das war die bessere Inszenierung. Charles Lindbergh hat sich tief in die mediale Erinnerung eingegraben, weil er alles richtig macht hat, und er ist, muss man dazu sagen, im medialen Gedächtnis geblieben, weil er danach – ungeplant – weiter im Mittelpunkt medialer Großereignisse stand, wie der Entführung seines Kindes, politischer Querelen und erst vor wenigen Jahren der Enthüllung mehrerer, lange geheim gehaltener Beziehungen zu mehreren Frauen samt gemeinsamer Kinder.

Zweiter Akt. Stellen wir uns vor, Felix Baumgartner (die Miniaturausgabe von Charles Lindbergh sozusagen) und Larry Fink (Gründer und Vorstandsvorsitzender von Black-Rock) würden sich gleichzeitig in einem Haubenlokal in Graz um den letzten freien Tisch bemühen. Sicher würde ihn Felix Baumgartner bekommen. Außer Miley Cyrus käme auch gerade herein. Dann dürften sich die beiden vielleicht den letzten Tisch teilen. Prominenz hat in einem medial inszenierten Setting immer Vorrang gegenüber realer Bedeutung. Also müsste Larry Fink hungrig bleiben.

Dritter Akt. Im Buch »Drei Männer im Schnee« von Erich Kästner hieß Larry Fink Tobler. Der gewann unter falschem Namen bei einem Preisausschreiben der eigenen Firma einen Urlaub. Als vorgeblich armer Schlucker wurde er im Hotel aber schlecht behandelt und wollte letztendlich das Hotel kaufen, um dem Personal eine Lehre zu erteilen. Den Plan musste er aufgeben. Das Hotel gehörte ihm bereits. So etwas könnte Larry Fink auch passieren. Wenn auch kaum im Falle eines Grazer Haubenlokals.

Nachspiel. »Only bad news is good news«, lautet der fatalistische Trost, wenn Medien böse berichten. »Tue Gutes und rede darüber«, heißt das 1961 veröffentlichte Sachbuch von Krupp-PR-Chef Georg-Volkmar Graf Zedtwitz-Arnim, dessen Titel auch heute noch gelegentlich als allzu billige PR-Definition herhalten muss. Ich bin da mehr beim aktuellen Papst, dessen Apostolisches Schreiben »Evangelii Gaudium« ein umfassendes PR-Konzept ist: »Das Gute neigt immer dazu, sich mitzuteilen«, widerlegt Franziskus den »Good/bad news«-Satz und dreht das Zedtzwitz-Diktum um und gleichzeitig zurecht. »In der Welt von heute«, schreibt der Papst weiter, »mit der Schnelligkeit der Kommunikation und der eigennützigen Auswahl der Inhalte durch die Medien ist die Botschaft, die wir verkünden, mehr denn je in Gefahr, verstümmelt und auf einige ihrer zweitrangigen Aspekte reduziert zu werden.« Da widersprechen Alcock, Fink und ich. Das war auch in der Welt von gestern nicht anders und nicht (nur) die Medien wählen aus, sondern primär die Mediennutzer.

*

Martin Novak ist geschäftsführender Gesellschafter
der Conclusio PR-Beratung in Graz.

::: Hier können Sie den Text online im Printlayout lesen: LINK

Zu Gast bei Fazit, Fazit 99 (Jänner 2014)

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