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Spiel mir ein Lied vom Dixie

| 2. Juli 2014 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 104, Fazitreise

Foto von Katharina Zimmermann

Südstaatenarchitektur, Scarlett und Huckleberry Finn, gepaart mit Soul Food, Cajun und Magnolienduft, das ergibt den tiefen Süden. Der »Deep South« bezeichnet die Bundesstaaten Alabama, Georgia, Louisiana, Mississippi sowie die beiden Carolinas und bezaubert den Besucher von der ersten Sekunde an. Eine Reise in den tiefen Süden der Vereinigten Staaten.

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Wir schreiben Ende April und die Schwüle liegt bereits in der Luft. Bei einem Spaziergang durch Savannah freut man sich neben Jasminduft und Magnolienblüten über jeden Schatten, den man erhaschen kann. Zum Glück haben bereits die Gründungsväter mitgedacht und einzelne »Squares« dieser Grande Dame des amerikanischen Südens nicht bebaut – zu Gunsten von alten Eichen und vor allem dem Spanischen Moos. Dieser so typischen Ananaspflanze, die sich ganz uneigennützig auf die Stämme der Bäume, die Veranda und sogar die Ampelanlagen heftet. Denn sie lebt von nichts Geringerem als der schwülen Luft des Südens. Welchen Fehler man eher nicht begehen sollte – und daraus hat Henry Ford gelernt – ist, sie zum Stopfen von Autositzen zu verwenden, denn in dem olivfarbigem Gestrüpp, das sich geisterhaft in den Südstaaten verbreitet hat, befinden sich Insekten, die zwar sehr klein, trotzdem aber groß genug sind, um sich durch Ledersitze zu bohren. Da musste Herr Ford dann doch eine größere Ladung an reklamierten Autos wieder zurücknehmen.

Der alte Süden
Wildromantisch haucht er an, der historische Süden der USA. Dabei wollten die Staaten sich einst auf brutalste Weise vom Rest der »Union« spalten. Die Konföderierten Staaten strebten weiterhin ein Leben mit Sklavenhaltung an, waren sie doch schwer von der Agrarwirtschaft abhängig. Doch der Unabhängigkeitskrieg entschied: Keine Trennung war möglich und die Haltung von Sklaven wurde mit dem 13. Zusatzakt der Verfassung abgeschafft. Somit war ein dunkles Kapitel Amerikas zumindest rechtlich geschlossen – die Folgen daraus, wie die Rassentrennung, hielten aber bis weit ins 20. Jahrhundert an. Heute erlebt man den Süden der USA allerdings als lebhaftes Miteinander, wo sich nicht nur auf den Speisekarten Cajun, Kreolisch und Mexikanisch vermischt. Viele kommen aber weiterhin, um die alten Plantagen, die »southern mansions«, zu besuchen und sich den Träumen von den »southern belles«, ergo der Vorkriegsromantik, hinzugeben. Hier sind die »Magnolia Plantation« in der Nähe von Charleston, oder die »Oak Alley Plantation« (Eichenallee) in Louisiana sehr sehenswert. Teilweise sind sogar noch die Behausungen der Sklaven zu besichtigen, deren Geschichte unter anderem der oscarprämierte Film »12 Years a Slave« (Zwölf Jahre Sklave) auf brutale Art und Weise dokumentiert.

Voodoo, gepaart mit Christentum
Keine andere Region ist so religiös, wie der Süden – die 100 Millionen Einwohner dieser Großregion leben im Bibeldgürtel (»Bible Belt«) der USA, in der sich am Sonntag vor allen Kirchen Schlangen bilden. Gospel hat hier seinen Ursprung und wird auch heute noch lebhaft im Kirchenchor praktiziert. Doch neben den engen Schemata der Kirche sprießen die Faszination Voodoo und andere Kulte nur so aus dem Boden. Wer Savannah auf seiner Route hat, sollte sich unbedingt das Buch »Mitternacht im Garten von Gut und Böse« besorgen. Dieser Krimi über eine wahre Begebenheit enthält viel Voodoo, Zauberei und Südstaaten Melancholie, die ein besseres Verständnis für die Menschen und ihren Glauben vermittelt. Am besten liest man in einem der 24 grünen Squares oder in Clary’s – dem Diner, das auch im Buch eine Hauptrolle spielt – bei Egg’s Benedict oder Pancakes. Schnell lernt man die dunkle Seite dieses auf den ersten Blick so fröhlichen Ortes kennen, und ehe man es sich versieht, spürt man den Drang, auf einen der verwunschenen Friedhöfe zu gehen. Antiquitäten und Pferdekutschen versetzen einen zusätzlich in eine andere Zeit, denn die Gründung der Stadt fand bereits 1733 statt – für amerikanische Verhältnisse ist sie also bereits uralt.

Tanz den Charleston in New Orleans
Neben Charleston, das stets sehr herausgeputzt und schön anzusehen ist, darf man auf keinen Fall New Orleans verpassen. Die Stadt ist nach dem Hurrikan bis auf einige Vorstädte wieder komplett aufgebaut und hat neuen Mut und Zusammenhalt gefunden. Überall erblickt man die heraldische Lilie (»Fleur-de-lis«), die nicht nur Symbol für die örtliche Football-Mannschaft, die »New Orleans Saints« ist, sondern auch das Leben repräsentiert, in all seinen Facetten. Die Stadt, die für das farbenfrohe Fest »Mardi Gras« und für die rowdyhafte Bourbon Street bekannt ist, ist voller Musik. Je dunkler es wird, desto mehr Klänge dringen aus den Bars, Cafés und Jazz-Klubs. Auf der Straße tanzen Matrosen zu einer Ragtime-Band und drei Straßen weiter spielt eine Country-Kombo inklusive Banjo und Latzhosen groß auf. Alle sind fröhlich und trinken auf der Straße, was ja für Amerika eine ziemlich seltene – aber in New Orleans gesetzlich erlaubte – Angelegenheit ist. Neben dem Beignet im Café du Monde sollte man keinesfalls die Frenchman Street auslassen, denn hier feiern die Einwohner Nolas selbst.

Flusskrebse zum Frühstück
Am nächsten Morgen kann man sich im »Garden District« bei »Slim Goodies« gleich Flusskrebse zum Frühstück bestellen: Krebse, Eier, Hash Browns (eine Art Kartoffelpuffer), ein paar Jalapenas (Paprikasorte) und ein mississippitrüber Kaffee bringen einen schnell auf den Boden der Südstaaten zurück. Dazu wird dann im besten Fall ein »Biscuit«, ein etwas süßeres Brot, serviert. Was man in den Südstaaten keinesfalls verpassen darf, sind der »Grouper« (Zackenbarsch), »Grits« (Grütze), »Gumbo« (eine dicke Suppe mit verschiedenen Einlagen) und die »Po’boys« (Sandwiches), die nicht nur günstig, sondern auch sehr sättigend sind. Schnell lernt man in die legendäre Gastfreundschaft der Südstaaten kennen. Wenn man Glück hat, wird man von den Einheimischen sogar auf ein Barbecue eingeladen – ein unvergessliches Erlebnis!

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Fazitreise, Fazit 104 (Juli 2014) – Foto: Katharina Zimmermann

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