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Sagen, was ist

| 25. Februar 2019 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 150, Kunst und Kultur

Foto: ArchivEin Gespräch mit Claas Relotius. Von Michael Bärnthaler.

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Als ich neulich am Grazer Hauptbahnhof auf meinen Zug wartete, kam plötzlich der rasende Reporter Claas Relotius auf mich zugestürzt, und es brach aus ihm heraus: »Ich muss beichten!« Ich sagte, setz dich, was ist denn usw. »Du bist doch dieser Bär …?« – »Bärnthaler.« – »Rechtstwitter und so.« – »Jaja.«

»Ich hab euch alle belogen!«
»Das wissen wir ja nun schon.«

»Und Rechtstwitter und so … Ihr hattet ja immer Recht!«
»Naja, immer … Vielleicht nicht immer. Aber doch manchmal – ich mein, Rechte sind auch nur Menschen …«

»Wir haben euch immer so krass geothert, mir tut das so leid!«
»Jetzt beruhig dich mal wieder, trink ein Bier.«

»Die Lügenpresse …« Er brach in Tränen aus. Ich sagte nicht, dass man mittlerweile schon häufiger von der Relotiuspresse sprach, es hätte ihm wohl das Herz gebrochen. Im Hintergrund sang Jan Delay: »Der böse Mann mit dem kleinen Bart ist noch nicht gar nicht tot, mindestens zweimal am Tag sagt er mir Hallo …« Relotius nippte an seinem Bier, in das salzige Tränen fielen. »Was machst du jetzt?«, fragte ich ihn.

»Erst mal was Vernünftiges lernen, Programmieren vielleicht. Dann mit einem ehrlichen Job die Brötchen verdienen … Wie konnte ich nur so …«
»Beruhig dich, komm. Wir machen doch alle Fehler, wir sind doch alle Sünder, wie wir menschverachtenden Rechtskatholiken immer sagen.«

»Achja …« Er verstummte. Wir saßen nebeneinander an der Bar, er links, ich rechts. Mich überkam ein gewaltiges Mitleid mit allen Menschen und der ganzen Schöpfung: Warum musste dieser arme Junge ein professioneller Lügner werden? Und ich – was war aus mir geworden? Wohin taumelte diese ganze kranke Welt eigentlich? Im Hintergrund rappte eine mir unbekannte Stimme: »Stecke deiner Hurenmutter den —«

Ich hab dann den Zug versäumt und zu viel getrunken. Aber ich hatte einen Moment der Wahrheit erlebt, mit Relotius an der Bar. Eine Aussprache, ein echter Austausch … Und ich hoffe, es geht ihm schon besser und er lernt wirklich Programmieren.

Alles Kultur, Fazit 150 (März 2019), Foto: Archiv

 
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