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Außenansicht (14)

| 29. Mai 2020 | Keine Kommentare
Kategorie: Außenansicht, Fazit 163

Kulturschaffende als Wutbürger. Zwei Reaktionen auf den Rücktritt von Ulrike Lunacek als Staatssekretärin für Kultur: »Ich habe nie ihre Person kritisiert, sondern ihre Funktion. Habe Frau Lunacek als EU-Politikerin hoch geschätzt«, erklärte der Kabarettist Lukas Resetarits. »Das war‘s also. Hat der Mob mal wieder gewonnen«, kommentierte Musikmanager Hannes Tschürtz den Rücktritt.

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Kulturschaffende als Wutbürger. Zwei Reaktionen auf den Rücktritt von Ulrike Lunacek als Staatssekretärin für Kultur: »Ich habe nie ihre Person kritisiert, sondern ihre Funktion. Habe Frau Lunacek als EU-Politikerin hoch geschätzt«, erklärte der Kabarettist Lukas Resetarits. »Das war‘s also. Hat der Mob mal wieder gewonnen«, kommentierte Musikmanager Hannes Tschürtz den Rücktritt.

Ein seltenes Ereignis konnten wir in den letzten Wochen beobachten. Die Kulturschaffenden des Landes als Wutbürger mit einem einzigen Hassobjekt, die zuständige Staatssekretärin – noch dazu von den Grünen entsendet, einer Partei, von der man erhofft hatte, dass sie eine neue Periode der Kulturpolitik einläuten würden. Doch worum ging es bei der heftigen Diskussion? Etwa um neue Strategien in der Kulturpolitik? Einführung neuer Medien, neuer Formen der Vermittlung von Kultur? Renovierung der alten Theater? Bau neuer Museen für moderne Kunst? Verbesserung der Ausbildung von Schauspielern, der Drehbuchautoren und Filmregisseure? Nein, es ging um Geld, um nichts anderes als um Geld. Verständlich, in Zeiten wie diesen. Der Ausfall von Einkünften, Umsatz, Verkaufserlösen, Gehälter, Honorare hat mit wenigen Ausnahmen fast alle getroffen. Es betrifft das Überleben, die Gestaltung des Alltags mit weniger Geld, weniger Einkommen und weniger Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Das belastet die Verkäuferin im Schuhgeschäft ebenso wie den Gitarristen in der Band, die sonst üblicherweise auf Hochzeiten spielt.

Und natürlich gibt es Protest der Betroffenen. Restaurants wollen eine vereinfachte Form der Bewirtung, Hotels warten sehnsüchtig auf die ersten Gäste, Nachtklubs beschweren sich, dass sie noch nicht öffnen können und Kabarettisten ärgern sich, dass sie nicht auftreten dürfen. Als Überbrückung dieser Lähmung hat die Regierung Hilfe versprochen, von Kurzarbeit bis verlängerter Arbeitslosengelder und Hilfe für die verschiedensten Berufsgruppen und Unternehmen. Zufrieden war niemand damit. Das verteilte Geld war zu wenig oder kam zu spät, kleinere Betriebe konnten den Mangel an Einkünften mit eigenen Rücklagen nicht auffangen und viele Selbstständige – oft nur Einpersonenbetriebe – stehen vor dem Ruin.

Dann kamen die Kulturschaffenden und meinten, bei ihnen sei das alles viel schlimmer und es gehe auch nicht nur um Geld, sondern die zuständige Politikerin würde eben nichts von Kulturpolitik verstehen. Sie erhoben ihre eigenen Aktivitäten über alle anderen und sprachen ehrfurchtsvoll vom Wert der Kunst als seien sie direkte Nachkommen von Wolfgang Amadeus Mozart und Thomas Mann. Während Frisöre um Unterstützung für die arbeitsfreie Zeit stritten und Köche versuchten, über ihre Interessenvertretungen bessere Unterstützungen einzufordern, sprachen Künstler von einer gescheiterten Kulturpolitik, als ob die finanzielle Unterstützung von Kulturschaffenden etwas mit Kulturpolitik zu tun habe. Hat es aber nicht. Die Bezahlung von arbeitslosen Köchen hat nichts mit der Entwicklung einer neuen Kochkunst zu tun. Die Arbeitslosenunterstützung der Lehrer nichts mit Schulpolitik und die Überbrückung für Architekten nichts mit architektonischer Neustrukturierung einer Stadt.

Fast alle Kulturschaffenden arbeiten in der Unterhaltungsindustrie. Sie schaffen Unterhaltung, oft weit entfernt von Kunst und unverwechselbarer Kreativität. Sie sind die wertvolle Pausenfüller des Alltags, die wir brauchen; am Abend vor dem Fernseher, Samstag im Kino oder auch das Lied durch die Kopfhörer, wenn wir früh am Morgen durch den Wald laufen. Alles, was wir von ihnen erwarten, ist handwerklich gut gemachte unterhaltende Arbeit, manchmal aufregend oder auch humoristisch. »Zeitlose Kunst« ist eine Entscheidung der Nachkommenden oder Kunstkritiker, die eben mehr sehen als wir einfache Konsumenten, die unterhalten werden wollen.

Die berechtigten Forderungen der Unterhaltungskünstler sollten an den Finanzminister gestellt werden, oder sonst jemanden, der berechtigt ist, Geld zu verteilen. Das Wegmobben einer Kunststaatssekretärin, weil Kunstschaffende zu wenig Geld bekommen, ist in jedem Fall kontraproduktiv. Eine Chance, mit Diskussion und Dialog Kulturpolitik zu modernisieren, wurde vertan und hat damit der Erneuerung der Kultur des Landes geschadet, mehr als ein unterbezahlter Kabarettist.

Außenansicht #14, Fazit 162/163 (Juni 2020)

 
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