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Österreichs nächste »Goldene Generation«

| 9. Juni 2026 | Keine Kommentare
Kategorie: Essay, Fazit 223

Foto: Marija KanizajEin Essay von Lukas Mandl. Der österreichische Abgeordnete im Europäischen Parlament hat in der »Edition Fazit« ein Buch zu den »Früchten der Freiheit« herausgebracht. Diese seien, »was Dir zusteht«, wie der Titel des Buches sagt. Lesen Sie hier einen exklusiven Vorabdruck.

::: Hier können Sie den Text online im Printlayout lesen: LINK

Mag. Lukas Mandl, geboren 1979 in Wien, ist seit 2017 Mitglied des Europäischen Parlaments, wo er stellvertretender Vorsitzender des Verteidigungsausschusses ist und den Ausschüssen für innere Sicherheit, Arbeitsmarkt und Außenpolitik angehört. Zuvor war er von 2008 bis 2017 Abgeordneter zum niederösterreichischen Landtag.  lukasmandl.eu

Der Titel ist gegen Ende der Niederschrift dieses Buches entstanden. Und ich gebe zu, dass er inspiriert wurde durch ein kleines Fanal der jüngeren politischen Geschichte Österreichs: Politische Feinspitze werden sich an ein vielfach affichiertes Plakat eines österreichischen Bundeskanzlers erinnern, der Menschen mit dem Slogan »Hol‘ Dir, was Dir zusteht!« zur Stimmabgabe für sich und seine Partei bewegen wollte. Jahrzehnte nach John F. Kennedys berühmtem Satz »Frage nicht, was Dein Land für Dich tun kann; frage, was Du für Dein Land tun kannst« mutete die ganze Sache nicht nur für mich wie der Versuch einer Umkehr jener Werte, auf denen eine solidarische Gesellschaft beruht, an. – Verteilt werden kann nur, was erwirtschaftet wird. »Das beste Sozialprogramm ist ein Arbeitsplatz«, wie Ronald Reagan gesagt hat. Aber abseits solchen tagespolitischen Geplänkels gilt: Es ist viel mehr, es ist größer und weiter, was jedem Menschen in seiner Einzigartigkeit und Würde zusteht. Es lässt sich nicht erschöpfend auflisten. Die Freiheit – die individuelle genauso wie die gesellschaftliche – gehört zu den Voraussetzungen dafür, dass sich entfalten kann, was kein Staat jemals verordnen könnte; im einzelnen Menschen, durch ihn, und um ihn herum. Die Zeit, in der wir im heutigen Europa leben dürfen, ist eine der Freiheit, mehr als jede zuvor. »Österreich ist frei«, rief Leopold Figl im Wiener Belvedere 1955 aus. Die europäische Integration ist ein Projekt der Freiheit; Österreich ist seit 1995 voll involviert. Es waren goldene Generationen in der Politik, die diese beiden Entscheidungen herbeigeführt haben. Was können wir von ihnen lernen? Freiheit ist immer fragil, immer bedroht. Die Bedrohungen der Freiheit wandeln sich. Die Verteidigung der Freiheit – in Sicherheit – bleibt die zentrale politische Aufgabe. Freiheit braucht immer Verantwortung, sonst verflüchtigt sich beides: Verantwortung und Freiheit. Das erste Viertel dieses Jahrhunderts war von anderen Herausforderungen geprägt, als es für das zweite Viertel zu erwarten ist. Vorschläge dafür, wie wir die anstehenden Herausforderungen in Verantwortung für Österreich und Europa, für Freiheit und Sicherheit, wahrnehmen können, finden sich in diesem Buch.

Ein Buch im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz?
Es mag anachronistisch sein, ein Buch zu veröffentlichen, aus der Zeit gefallen. Der parlamentarische Alltag, der schnelles Denken und Handeln, spontane Entscheidungen und flinkes Springen von einem Thema zum nächsten verlangt, verhält sich komplementär zu den Logiken eines Buches. Die digitale Kommunikation, in der das Internet zwar angeblich nicht vergisst, wo wir Menschen dann aber doch so wenig behalten, wo Gedanken und Gefühle automatisch verschwinden, adaptiert oder gelöscht werden, entzieht sich jenem Korsett, dessen Verschlüsse für immer einhaken in dem Moment, in dem die Druckmaschine anläuft. Die rasante Entwicklung der künstlichen Intelligenz wirft die Frage auf, warum ein Mensch überhaupt noch einen Text verfassen soll. Schließlich könnte schon eine durchschnittliche KI einen Überblick beispielsweise zu Zielen und Inhalten meiner parlamentarischen Arbeit in einer beliebigen Länge in einer beliebigen Sprache erstellen, in kürzester Zeit, fast kostenlos. Ich selbst habe beim Recherchieren künstliche Intelligenz verwendet. Ich weiß, dass mein wunderbarer Interviewer Johannes Roth auch zur Strukturierung der Fragen KI-Werkzeuge verwendet hat. Ein befreundeter Mönch sagte einmal zu mir: »Der Frage wohnt eine Spannung inne, welche die Antwort nicht mehr hat!« Ich bin Johannes Roth sehr dankbar für die Fragen. Es ist menschliche Kreativität, die zu diesem Buch führt. Und wenn nötig, löcke ich wider den Stachel, wenn ich gerade jetzt in einem Buch festschreibe, für wen und was ich arbeite, wo gegen ich auftrete, was mir Sorgen bereitet, welche Hoffnungen ich hege, und wo ich meinen Beitrag leisten möchte, damit Österreich und Europa im Sinne dieser und kommender Generationen vorankommen. Insofern hat ein solches Buch in dieser Zeit mehr vom »Hier steh‘ ich nun, ich kann nicht anders« nach Martin Luther, denn vom »Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern« nach Konrad Adenauer; wobei ich beide Persönlichkeiten achte. Gerade Adenauers Satz ist für die Politik von überragender Bedeutung: Der Staatsmann hat darauf hingewiesen, dass man jeden Tag klüger werden kann, besser verstehen, Gedanken revidieren, oder zumindest adaptieren. Das nehme ich auch für mich in Anspruch und bitte in diesem Sinne um Milde bei der Lektüre. An den Schwerpunkten meiner Arbeit könnte sich von heute auf morgen vieles ändern. Auch das gehört zum Schicksal eines Buches. Es kann schon morgen veraltet kann. (…) Wenn dieses Buch Lust auf Parlamentarismus macht, dann verfehlt es seine Wirkung nicht.

Zu Europas Selbstbehauptung im 21. Jahrhundert
Kaum ein Tag vergeht, an dem ich nicht einen Anruf oder eine Textnachricht erhalte und eine Mitbürgerin oder ein Mitbürger aus Österreich sich erbost zeigt über diese oder jene Haltung oder Maßnahme »der Europäischen Union«, gemeint ist die eurpäische politische Ebene. Oft ist die Quelle Desinformation aus Social-Media-Kanälen oder Messengerdiensten. Nicht selten geht es um Entscheidungen auf einer anderen politischen Ebene, meist der mitgliedsstaatlichen, die dann irrtümlich oder absichtlich der europäischen Ebene in die Schuhe geschoben werden. Wenn es doch um die europäische Ebene geht, dann ist es meistens nicht eine fertige Gesetzgebung oder Maßnahme, sondern ein Vorschlag seitens der Kommission, eine Einzelmeinung im Europäischen Rat der mitgliedsstaatlichen Regierungen oder eine Initiative im Europäischen Parlament, die dann aber keine Mehrheit findet: Manchmal geht es um Beschlüsse, die im Europäischen Parlament Mehrheiten finden oder sogar letztlich gemeinsam mit dem Europäischen Rat auf der Basis eines Vorschlags der Kommission Gesetz werden. Selbstverständlich gehen wir allen Hinweisen nach, auch wenn es um Inhalte geht, die nicht aus dem demokratischen Betrieb der Europäischen Union kommen. Denn die Europäische Union – das sind wir alle! Es ist ohne Sinn, über »die EU« in der dritten Person zu sprechen. Sollten wir eines Tages nicht mehr die Europäische Union sein, werden wir mit unserem Dasein insgesamt Probleme bekommen, und bald wird jeder Einzelteil für sich sein, und zum Spielball werden. Das gilt es zu vermeiden. Mich stört es immens, wenn es zu Fehlentscheidungen kommt, wenn jemand in einer EU-Institution in interventionistischer Weise in den Angelegenheiten des einzelnen Menschen oder anderer Ebenen den Wert der Freiheit und das Prinzip der Subsidiarität nicht respektiert, wenn Orchideenthemen über Gebühr Aufmerksamkeit geschenkt wird, oder wenn Ideologien der neuen Intoleranz dominant werden. Mich stört das deshalb, weil es Unionsbürgerinnen und -bürger von ihrer Union, von unserer Europäischen Union, entfremdet. Das schwächt uns. Das macht uns verwundbar. Nicht jede Spaltungstendenz in unseren Gesellschaften kommt von außen durch hybride Angriffe. Nicht jeder Zulauf zu destruktiven extremistischen Kräften – seien sie nun links der rechts im politischen Spektrum angesiedelt – ist mit deren Populismusmaschinerie zu erklären. Auch Akteure in der Europäischen Kommission, im Parlament und im Rat haben eine Verantwortung dafür, dass Menschen nicht den Eindruck bekommen, man beschäftige sich mit Ideologien, zentralistischer Machtphantasie, selbstgerechter Hybris oder einfach mit Unsinn. Manchmal bekommen aber viele Menschen diesen Eindruck. Und einschlägige Zitate oder Beschlüsse verbreiten sich schneller als die zahlreicheren und gewichtigeren sinnvoller, funktionaler Art. Ich versuche zusammen mit meinem parlamentarischen Büro, dieser Verantwortung nachzukommen, und so gut ich kann dagegenzuhalten, wenn einschlägige Initiativen auf dem Weg sind. (…) Es ist also auch hier die Herausforderung für den einzelnen Abgeordneten, das eine zu tun, ohne das andere zu lassen, die Gleichzeitigkeit zu leben in der Abwehr von als falsch oder negativ eingeschätzten Entwicklungen; und Positives voranzutreiben; und vor allem: das gemeinsame Europa hochzuhalten – das historisch Beste, was dem Kontinent passiert ist; die Lebensleistungen der Generationen der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts!

Eine Situation, in der mir das besonders bewusst geworden ist, war einer jener Momente, in denen ich im Zuge meiner politischen Arbeit nicht an mir halten konnte, feuchte Augen bekam: 2016, bei einem meiner ersten Besuche in der Republik Kosovo, Europas jüngstem Staat, war ich in dem abgelegenen Tal Krushë e Madhe. Frauen erzählten 83 von ihrem Leben nach dem Krieg. Männer und Buben waren ermordet oder verschleppt worden. Übrig geblieben waren Frauen, Kinder, Alte. Statt zu resignieren, gründeten die Frauen eine landwirtschaftliche Kooperative. Weniger als 48 Stunden später war ich zurück daheim in Gerasdorf und beobachtete meinen damals sechsjährigen Sohn und sein Team beim Fußballtraining am Sportplatz Kapellerfeld. Der Kontrast traf mich mit voller Wucht: Hier Kinder, die in Frieden aufwachsen, in Sicherheit, mit Bildung und Infrastruktur, mit Zukunftschancen; dort Kinder, die mit Verlust, Trauma und Unsicherheit leben mussten oder müssen – nur eine gute Flugstunde entfernt; das alles mitten in Europa. Nein, es gibt keine Alternative zum vereinten Europa auf der Basis der im Lissabon-Vertrag normierten Werte, die ich oben zitiert habe. Zu den Versprechen des vereinten Europa gehört, dass ein Leben in Freiheit und Würde innerhalb seiner Grenzen jeder und jedem zukommt. – Wir werden die Konfrontation mit jenen, die uns dieses Europa streitig machen wollen, be stehen müssen; nach außen, aber auch nach innen. Umso mehr stößt es mir sauer auf, wenn vielfach Angehörige der Administration oder auch politisch Tätige im Bild vieler Menschen das vereinte Europa durch unsinnige Initiativen relativieren, es zur Lachnummer oder sogar zum Ärgernis werden lassen. Dass Friede mehr sei als die Abwesenheit von Krieg, sagt ein altes Sprichwort. Dieses Mehr besteht im kooperativen Miteinander. Denn ein ignorantes Nebeneinander ist zu fragil. Das zeigt die Geschichte. Für mich als Niederösterreicher war bis zu meinem zehnten Lebensjahr der eiserne Vorhang eine feststehende Tatsache. Das Ende der freien Welt war in greifbarer Nähe. Wahrnehmungen von der anderen Seite waren selten und konnten 84 sehr irritierend sein; etwa als wir 1986 als Kinder nach dem gravierenden Unfall im Atomkraftwerk Tschernobyl keinen Sa lat essen durften. Jenen auf der Welt, die statt der Konfrontation die Kooperation wollen, wird ein Europa, das sich seiner Stärken bewusst ist, ein immer stärkerer Partner sein.

Zu Arbeit und Wohlstand in Zeiten geopolitischer Turbulenzen
Wohlstand und Arbeit hängen zusammen. Wohlstand ohne Arbeit gibt es nicht. Freilich trifft das nicht für jeden Menschen zu. Der Wert des Menschen hängt nicht von seiner Leistungsfähigkeit ab. Dass jeder Mensch gleich viel wert ist – und in seiner Einzigartigkeit kostbar – wurde oben ausgeführt. Dass wir gerade in den Sozialstaaten europäischen Zuschnitts Menschen unabhängig von ihrer eigenen Leistung sehr gut versorgen können, hängt davon ab, dass die Leistungsbereitschaft vieler auf recht ist und bleibt. Auch trifft es nicht für jeden Menschen in jeder Lebensphase zu, dass persönlicher Wohlstand – und soziale Sicherheit – mit der unmittelbar geleisteten Arbeit zusammenhängen. Dass ungeborene und geborene Kinder sowie deren Mütter in unseren Sozialsystemen Schutz genießen, dass die Würde älterer Menschen nicht nur geachtet wird, sondern hochgehalten, gehört zu den Voraussetzungen unserer Zivilisation. Dabei basiert gerade bei uns im Europa der auf den Kopf gestellten Bevölkerungspyramide und der Überalterung der Wohlstand, den wir noch genießen, der uns noch zu einem interessanten Markt für andere Teile der Welt macht, auf den Leistungen der Generationen vor uns, die nach 1945 angepackt und aufgebaut haben. Auch sollte es sich von selbst verstehen, dass es neben der Attraktivität für Arbeitsmigration durch qualifizierte Menschen aus aller Welt, die das in Europa gelebte Wertegerüst mitzutragen bereit sind, eine unzweideutige Willkommenskultur für Kinder jungen Menschen dabei helfen würde, den Traum einer Familiengründung Realität werden zu lassen.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron lässt im Jahr 2026 allen 29jährigen Frauen seines Landes Briefe mit der Empfehlung zukommen, sich über die Familienplanung Gedanken zu machen, inklusive medizinischer Informationen. – Was vor Jahren noch undenkbar schien, was noch heute heftige Kritik auf den Plan rufen würde, würde es nicht von einem Politiker kommen, der seine Karriere links der Mitte gestartet hat, wird heute weitgehend positiv beurteilt. Macron zeigt gegen Ende seiner Amtszeit viel von jener Reife, die er am Beginn vermissen hatte lassen. Ich meine das anerkennend. Ein solcher Brief ist ein wichtiger symbolischer Akt, aber selbstverständlich nicht hinreichend. Es zeigt aber, dass vieles vom Kernbestand dessen, was Zivilisationen in der Geschichte überdauern ließ, in unserer heutigen Zivilisation brüchig geworden oder verschwunden ist. Wir können uns nun fragen, ob es unsere Zivilisation wert ist, verlängert zu werden – freilich mit allerlei Adaptierungen, im Sinne einer evolutorischen Entwicklung. Meine Antwort darauf ist ganz klar: Ja! Denn Generationen vor uns haben nicht nur viel für unseren materiellen Wohlstand geleistet. Sie haben auch angesichts der falsifizierten Alternativen beharrlich Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, auf der Basis von Menschenwürde und Freiheitsrechten, durchgesetzt. Das steht auf dem Spiel. Dass dieses Modell scheitert, das wollen nicht nur andere Mächte auf dieser Welt, sie treiben auch Keile in unsere Gesellschaften und wirken auf ein solches Scheitern hin. Das sollten wir nicht zulassen; im Sinne der kommenden Generationen. Insbesondere in einer Zeit wirtschaftlicher Schwierigkeiten eine gesetzliche Arbeitszeitverkürzung in den Raum zu stellen, halte ich für verantwortungslos. Eine Debatte darüber, wo Teilzeitarbeit sinnvoll ist und wo nicht, muss seriös möglich sein. Und das Pensionsantrittsalter muss steigen, im Interesse aller, ganz besonders jener Menschen, die viel beizutragen haben und es auch noch können, mit viel Erfahrung und ungebrochener Energie. Denn die Arbeit gehört zum Leben. Ja: Das Leben ist vielfach Arbeit, Erwerbsarbeit, Aufbauarbeit, Zusammenarbeit, gerade in Österreich nicht selten ehrenamtliche Arbeit, auch Beziehungsarbeit. Von der harten körperlichen Arbeit über die wortwörtliche Schularbeit bis zur Arbeit an sich selbst kennen wir Anwendungen für den Begriff der Arbeit, die alle ihre Berechtigung haben. Der Begriff von der »Work-Life-Balance« ist einer der unglücklichsten in der öffentlichen Debatte. Als würde das eine dem anderen widersprechen. Nein, es gehört zusammen.

Bei einem meiner Termine mit chinesischen Diplomaten in der Botschaft der Volksrepublik China in Wien, wohl im Jahr 2024, sagte mein Gegenüber, als das Gespräch von der Wirtschaftslage handelte, dass in China eben sehr viel Arbeit geleistet würde. Er meinte damit zweifellos, es würde sehr viel mehr gearbeitet als in Europa. Nun weiß ich, dass das nicht alles ist, was man zu dem Thema sagen kann. Dass das Wachstum in China seit der Pandemie etwa zwölf Mal so groß war wie in Europa, und jenes in den USA etwa sechs Mal so groß, ist nicht monokausal. Es hat viele Gründe. Ich weiß aber auch, dass die Analyse des Chinesen in diesem Punkt nicht von der Hand zu weisen ist. Wir müssen höllisch aufpassen, dass wir nicht aus dem falschen Gefühl einer systemischen Überlegenheit völlig den Blick für die Relationen dessen verlieren, was in China – aber auch in den USA, wenn auch unter völlig anderen Vorzeichen – geleistet wird. Arbeit ist gut. Leistung ist gut. Wer etwas anderes behauptet, will sich oder anderen – oder allen – etwas vormachen. Daran ändert nichts, dass Arbeit nicht alles ist, dass Leistung nicht alles ist. (…) Klar ist das Verhältnis zwischen Europa und China unter anderem durch systemische Rivalität gekennzeichnet. Der strategische Kompass der Europäischen Union wurde im Jahr 2022 wenige Tage nach dem Beginn militärischen Feldzugs Putin-Russlands gegen die Ukraine in Brüssel präsentiert. Ich erinnere mich sehr deutlich an die Szenen. Persönlichkeiten wie die langjährige Außenbeauftragte Federica Mogherini, die später wegen Ungereimtheiten als Leiterin des renommierten College of Europe zurücktreten musste, hatten lange am strategischen Kompass gearbeitet. Und am Tag der Präsentation war nicht China, auf dem in diesem Sicherheitspapier das Hauptaugenmerk lag, in aller Munde, sondern Putins Russland. Der Zeiger des strategischen Kompass‘ wies Richtung China, es gelang allen Beteiligten, sowohl das Grundsätzliche als auch das Aktuelle einzubeziehen. Gerade diese Zeiten fordern uns alle zum Rundumblick und zur Gleichzeitigkeit. – Jedenfalls nennt der strategische Kompass zwei weitere Dimensionen des Verhältnisses zu China: jene der strategischen Partnerschaft und jene des wirtschaftlichen Wettbewerbs. Diese beiden werden von chinesischen Gegenübern auch gerne als Ausgangspunkt für Gespräche akzeptiert. Die systemische Rivalität zu thematisieren wird nicht gerne gesehen. Umso wichtiger ist es aber, genau das zu machen, um nichts zu verdrängen, nicht Tabus zu erzeugen, und klarzumachen, dass es an den Entscheidungen heute liegt, wie wir in Zukunft miteinander umgehen werden, in welcher Welt wir leben werden. Freilich ist Arbeit nicht nur eine Frage der Einstellung. Sie ist auch eine Frage der Möglichkeiten. Ein Europa mit mehr Freiheit nach innen bedeutet, dass es – im wahrsten Sinn des Wortes – mit Händen zu greifen sein muss, dass es möglich ist, sich durch Arbeit etwas aufzubauen, dass Leistung belohnt wird, dass unternehmerisches Denken und Handeln Anerkennung in materieller und immaterieller Weise findet. Anstrengung verdient Anerkennung! Hier haben wir in Europa einiges aufzuholen. Dafür müssen wir beginnen, einigen Ballast abzuwerfen.

Durch die Omnibuspakete zur Deregulierung ist in der laufenden Parlamentsperiode auf europäischer Ebene einiges gelungen und anderes auf den Wegge bracht worden. Ich widme mich diesen Themen im aktuellen Jahrbuch für Politik, das im Rahmen der Politischen Akademie von Stefan Karner, Andreas Khol, Günther Ofner, Bettina Rausch und Wolfgang Sobotka herausgegeben wird; sowie im ebenfalls 2026 auf Englisch im Springer-Verlag unter dem Titel »Handbook on EU-lawmaking« erscheinenden Buch, dessen Herausgeberschaft bei Gerda Füricht-Fiegl, Julia Kreyler-Valsky und Alexander Burka liegt. (…) Europa hatte nach 1945 über Jahrzehnte ein Modell Wirklichkeit werden lassen, das in wunderbarer Weise politische Freiheit mit sozialer Sicherheit und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit verbunden hat. Ab den späten 1980er Jahren wurde noch die Dimension der nachhaltigen Entwicklung ergänzt und es entwickelte sich das Wort von der »ökosozialen Marktwirtschaft«. Durch die Integration osteuropäischer Länder nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde dieses Modell prolongiert. Doch wie die Vereinigten Staaten von Amerika und andere Westalliierte nach dem zweiten Weltkrieg zum Zustandekommen des Wirtschaftswunders aktiv beigetragen haben, haben die USA jahrzehntelang einen großen Anteil der Kosten für die äußere Sicherheit Europas getragen. Das mag anfangs auch daran gelegen sein, dass man abwarten musste, ob Westeuropa sich tatsächlich in Richtung Demokratie entwickeln und damit von Aggressionen nach außen absehen würde; und es mag dann andererseits aufgrund der ständigen Bedrohung durch die innereuropäische Grenze, hinter der Aggressionsbereitschaft zu den Doktrinen der Regierungen des Warschauer Pakts gehörte, verlängert worden sein. Aber de facto war das Modell mit dem Fall des Eisernen Vorhangs obsolet, und spätestens mit der als »EU-Erweiterung« bezeichneten großen Beitrittswelle 2004 nur noch absurd. Insofern ist es nur schlüssig, dass die USA von einer Administration zur nächsten mit immer mehr Nachdruck von Europa verlangt haben, sich um seine äußere Sicherheit weitgehend selbst zu kümmern.

Beherzigt wird das in den Führungsetagen der EU-Institutionen erst seit dem 24. Februar 2022. Ich durfte den Paradigmenwechsel nicht nur im Tagesgeschäft miterleben, sondern als Vizevorsitzender des Verteidigungsausschusses des Europaparlaments ab 2019 meinen parlamentarischen Beitrag zur Unterstützung der neuen sicherheitspolitischen Reife Europas leisten. Es gibt noch einen weiteren Grund, dass die alten Modelle nicht mehr tragen, das sind die geopolitischen Veränderungen, die durchaus das Ausmaß tektonischer Plattenverschiebungen haben. Konkret geht es um das Erstarken Chinas sowie das Bevölkerungswachstum Afrikas und Asiens. (…) Auch der demografische Winter zeigt: Europa hat derzeit mehr Vergangenheit als Zukunft. Wenn Europa derzeit global eine Rolle spielt, dann erstens wegen des ererbten Wohlstands und auch der daraus resultierenden Attraktivität als Markt, zweitens wegen der stabilen politischen Systeme und drittens wegen der Berechenbarkeit und Verlässlichkeit Europas als Vertrags- und Handelspartner. Diese Stärke können wir zur Keimzelle vieler weiterer Stärken machen. Denn Investitionen und Innovation sowie Standortattraktivität auch für Arbeitsmigration werden dort beste Bedingungen vorfinden, wo Partnerschaft auf Augenhöhe gelebt wird. Das ist unsere Chance! Die müssen wir nützen. Der Aufschwung für Europa ist möglich. Auch die Enkelkinder unserer Enkelkinder könnten noch einen ähnlich lebenswerten Kontinent vorfinden; in einer noch viel lebenswerteren Welt. Aber dazu müssen wir bereit sein, die Abgründe wahrzunehmen, in die wir nicht stürzen wollen. Dazu müssen wir jetzt handeln. Dafür lohnt sich jeder Einsatz.

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Essay, Fazit 223 (Juni 2026), Foto: Marija Kanizaj

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