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Keine Verteidigung unserer Lehrer

| 3. Januar 2011 | Keine Kommentare
Kategorie: Editorial, Fazit 69

Rund 28 Prozent unserer 15–16-jährigen Schüler können nicht sinnerfassend lesen. Oder sollen dies zumindest laut aktuellen Pisa-Studien-Ergebnissen der OECD nicht können. Die größtenteils trotzkistisch orientierte österreichische Bloggerszene sieht bereits »das geschriebene Wort in Lebensgefahr«. Ganz so schlimm ist es natürlich nicht. Immerhin riefen zahlreiche Schülervertreter zum Boykott der Pisa-Tests auf und auch einige Lehrer distanzierten sich von dieser Form der Wissenserhebung. Was ein zumindest etwas verzerrtes Ergebnis naheliegen lässt. Trotzdem ist dieses schlechte Abschneiden besorgniserregend. Was mich aber noch mehr besorgt, ist die ausschließlich dem »versagenden« österreichischen Bildungssystem alle Schuld zuweisende Diskussion dieses »Programms zur internationalen Schülerbewertung«.

Natürlich ist es vollkommen zu Recht mittlerweile unumstritten, dass die »Leistung« eines Lehrers daran zu ermessen ist, wie viel Wissen er seinen Schülern vermitteln kann. Demnach ist also jeder positive Absolvent einer Schule ein »Erfolg« eines Lehrers und jeder, der es nicht schafft, ein Misserfolg. Noch in den Siebzigern, als ich die Unterstufe besuchte, bedeutete ein »Nicht genügend«, dass ich in diesem Gegenstand versagt habe. Und es wurde mit mir zu Hause geschimpft. Heute wird mit den Lehrern geschimpft. Beides ist wenig hilfreich.

Was im Speziellen das Lesen betrifft, darf ich eine manche vielleicht schockierende Erklärung anbieten: Der Schüler, der nach neun Jahren in welcher österreichischen Schule auch immer nicht in der Lage ist, einen (laut Pisa-Test-Unterlagen recht einfachen) Text sinnerfassend zu lesen, der hat vor allem eines: versagt. Und mit ihm seine Familie, die ihm offensichtlich nicht vermitteln konnte, dass es wichtig ist, lesen zu lernen.
Bei aller Kritik an über viel zu viel Freizeit verfügenden Lehrern, an einer an Kremlfunktionäre erinnernden Lehrervertretung und an einer sich vor allem durch Ankündigungen und unüberschaubare Schulversuche auszeichnenden Bildungspolitik darf man diesen Vorwurf dem einzelnen Schüler nicht ersparen. In seinem ureigenen Interesse nicht. Österreich bezahlt Unsummen für jeden Ausbildungsplatz. Es kann also nicht ausschließlich am versagenden System liegen.

Lesen ist wertvoll. Das muss Schülern und Eltern vermittelt werden! Ob dabei der Weg der Stadt Wien, die jedes Jahr ein Buch verschenkt, um es damit noch wertloser als etwa das neueste Handy werden zu lassen, der richtige ist, sei dahingestellt.

Editorial, Fazit 69 (Jänner 2011)

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