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| 6. April 2023 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 191, Fazitgespräch

Foto: Erwin Scheriau

Ärztekammerpräsident Michael Sacherer über die Arbeitsbelastung der Ärzte, die Gründe für den Personalmangel in den Gesundheitsberufen und was man ihm entgegensetzen kann.

Das Gespräch führten Johannes Roth und Johannes Tandl.
Fotos von Erwin Scheriau.

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Es kracht und knirscht im Gebälk. Schon während Corona war deutlich geworden, dass das Gesundheitssystem in Österreich an seine Grenzen gelangt war. Die Probleme sind geblieben und die Steiermark bildet da keine Ausnahme. Die Reformen der vergangenen Jahre haben nicht den erhofften Effekt gezeigt, im Gegenteil, der Kages fehlen hunderte Ärztinnen und Ärzte.

Darüber hinaus sind Dutzende allgemeinmedizinische und fachärztliche Kassenstellen unbesetzt. Gleichzeitig steigt der Versorgungsdruck der immer älter werdenden steirischen Bevölkerung rasant. Die Spitalsambulanzen und Notaufnahmen sind hoffnungslos überfüllt. Auf Termine bei manchen Fachrichtungen muss man monatelang warten. Bestimmte Medikamente werden knapp.

Vor diesem Hintergrund treffen wir den Kardiologen Michael Sacherer. Er hat sich vor einem Jahr bei der Ärztekammerwahl gegen den damals amtierenden Präsidenten Herwig Lindner durchgesetzt. Wir wollten von ihm wissen, wie er mit der  Lösung der anstehenden Probleme vorankommt und was zu tun ist, damit die Steiermark als Standort für Gesundheitspersonal wieder attraktiv wird.

***

Herr Präsident, Ihre Standesvertretung hat sich schon immer als starker Diskussionspartner erwiesen. Zu stark für manche: Gesundheitsminister Rauch etwa gibt der Ärztekammer die Schuld daran, dass bei den Gesundheitszentren nichts weiter geht. Landeshauptmann Doskozil hat die Kammer sogar als Blockierer bezeichnet. Wie gehen Sie mit der Kritik um?
Wir haben uns den Grundsatz verordnet, dass wir die Probleme gemeinsam mit den Partnern adressieren wollen. Dabei ist klar, dass die 6.000 Ärztinnen und Ärzte die Versorgung aufrechterhalten und wir der maßgebliche Player für die Gesundung unserer Patienten sind. Wir haben einen ausgeprägten Mangel an Personal in den Gesundheitsberufen. Derzeit sind laut offiziellen Angaben rund zehn Prozent der Stellen im Spitalsbereich nicht besetzbar, da es keine Bewerbungen gibt. Wir haben mehr als 30 offene Kassenstellen. Das muss diskutiert werden. Unser Anspruch ist, gemeinsam mit den Partnern Lösungen zu finden.

Wie darf man sich den Diskussionsbeitrag der Kammer vorstellen?
Die Ärztekammer sieht sich hier als Partner im System. Und wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, die Probleme gemeinsam zu lösen. Wir hatten im Juni ein Notärztethema: Die Besetzbarkeit der Notarztdienste war an mehreren Tagen nicht gegeben. Also haben wir gemeinsam mit den Stakeholdern – in diesem Fall der Politik und den Trägern – eine Lösung gefunden. Auf dieser konstruktiven Ebene sind wir mit allen Partnern im Gespräch.

Auch mit der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK)? Hier werden oft sehr unterschiedliche Positionen vertreten.
Ja, auch mit der ÖGK. Es ist uns etwa gelungen, dass wir bei den letzten Verhandlungen für die Steiermark eine Vier-Tage-Woche für den Kassenvertrag zu verhandeln, um Kassenstellen besonders für Frauen wieder attraktiver zu machen.

Damit sind Sie in Ihrem Bereich schon wesentlich weiter, als die SPÖ im Bund fordert …
Das ist dann doch etwas anderes. Bei uns geht es darum, die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Dennoch wird die Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch bei den Kassenstellen wichtig. Es war das gemeinsame Vorgehen mit der ÖGK, das diese Lösung ermöglicht hat. Diesen Stil pflegen wir auch bei unseren Gesprächen mit der Politik. Auch hier ist mit der besseren Entlohnung des »Klinisch-Praktischen-Jahres« – das ist eine Assistenztätigkeit am Ende des Studiums – jüngst etwas Gutes gelungen: Es war eine unserer Forderungen, im Vergleich zu anderen Bundesländern mehr zu bezahlen. Dieser Betrag war bis dato 650 Euro, jetzt sind es 900 Euro. Wir haben das gemeinsam mit der Politik zur Umsetzung gebracht.

Es fehlen allein der Steiermärkischen Krankenanstaltengesellschaft (Kages) acht bis zehn Prozent der Ärzte, das sind knapp 200 Stellen. Wie kriegt man das in den Griff?
Das ist ganz, ganz einfach …

Gut. Wir hatten schon befürchtet, es wäre nicht so trivial.
Naja, es ist wirklich einfach. Wenn die Rahmenbedingungen für das Arbeiten in den Spitälern konkurrenzfähig sind, dann kommen die Kolleginnen und Kollegen in die Steiermark.

Als Einstiegsgehalt für einen Spitalsarzt im Burgenland werden 140.000 Euro geboten. Verdient ein Kassenarzt das auch?
Das hängt von unterschiedlichen Parametern ab, darum kann man das nicht so genau sagen. Das durchschnittliche Honorar pro Patient lag bisher in der Steiermark bei 61,83 Euro – das ist 18,53 Prozent unter dem Österreich-Schnitt. Der neue Vertrag wird da eine doch deutliche Verbesserung bringen. Die 140.000 Euro muss man sich genauer anschauen. Der Herr Doskozil hat da etwas hinausposaunt, bei dem noch gar nicht ganz klar ist, welche Leistung dafür erbracht werden muss.

Foto: Erwin Scheriau

Kann da die Steiermark mithalten?
Eine gewaltige Benchmark! Ein Berufseinsteiger zwischen 30 und 32 Jahren, also als Facharzt mit Ius Practicandi, verdient bei der Kages ungefähr 85.000 Euro. Da sind vier Dienste dabei. Ärztinnen und Ärzte in den Randbereichen der Steiermark werden es sich fünfmal überlegen, ob sie hier arbeiten wollen. Und die Kages muss sich überlegen, mit welchen Argumenten man jemanden in der Steiermark hält, wenn er im Burgenland fast das Doppelte verdient und es gleichzeitig für manche steirische Regionen offensichtlich immer noch ein großes Problem ist, Kinderbetreuungseinrichtungen mit arbeitszeitkonformen Öffnungszeiten zur Verfügung zu stellen.

Trifft der Personalmangel alle Spitäler gleichermaßen?
Ich würde keinen Standort ausnehmen, aber nicht jeder Standort hat dieselben Herausforderungen. Ein Standort, der zu 60 oder 80 Prozent von Pendlern bearbeitet wird, der hat ein anderes Thema als ein Standort, der hochintensiv bis in die späten Abendstunden hinein bearbeitet wird, mit Spätdiensten, mit 12er-Radeln etc. Wir haben selbst am Uniklinikum ein Personaldefizit, dort fehlt eine zweistellige Zahl an Anästhesisten und Intensivmedizinern. Es haben alle – die Kages, die Uni, das Land – ihre eigene Sicht auf die Problemstellungen. Aber am Ende des Tages zählen die Fakten: Die knapp 200 Ärzte, aber auch viele Pflegekräfte, die fehlen.

Einer der Kritikpunkte an den niedergelassenen Ärzten ist, dass sie nicht mehr bereit sind, Wochenend- und Nacht- und Tagesranddienst zu übernehmen. Wie passt das mit einer Viertagewoche zusammen?
Zunächst geht es darum, die offenen Kassenstellen überhaupt erst einmal besetzen zu können. Mir ist lieber, ich habe jemanden, der vier Tage Ordination macht, als ich habe in der Region überhaupt keinen Kassenarzt. Da müssen wir mit der Zeit gehen. Die Bevölkerung – auch die steirische – wird älter, aber nicht gesünder. Die Anzahl der Kassenstellen ist da nicht mitgewachsen und es kommen bis zu 20 Prozent mehr Menschen in die Ordinationen als noch vor kurzem. Die durchschnittliche Arbeitszeit eines Allgemeinmediziners liegt bereits bei über 55 Stunden in der Woche. Darauf haben wir mit unserem Vorschlag reagiert.

Ist das unternehmerische Risiko eines Kassenarztes in der Honorierung ausreichend abgedeckt?
Das ist tatsächlich ein Thema. Denn man muss ja, um etwas zu erwirtschaften, anwesend sein. Wenn man krank ist, gibt es zwar eine Ausfallsversicherung, aber die deckt nur einen Bruchteil des Umsatzes. Kürzlich hat mir ein Kassenarzt erzählt, dass er im Monat nur für Betriebskosten und Miete 4.500 Euro zahlt – und da kommt er noch günstig weg. Er hat aber auch noch fünf Ordinationskräfte, die er bezahlen muss. Das unternehmerische Risiko wirkt sich da massiv aus.

Kages-Vorstand Gerhard Stark behauptet, dass ein Großteil der Überlastung der Spitäler auf ein Versagen im niedergelassenen Bereich zurückzuführen ist. Eben weil da keine Dienstleistungen am Tagesrand, in der Nacht und am Wochenende geboten werden. Deswegen wären die Ambulanzen so überlaufen. Hat er recht?
So einfach ist das nicht. Jeder hat seine Hausaufgaben zu erledigen. Die ÖGK mit den Verträgen, die Kages mit den Rahmenbedingungen und mit dem Dienstrecht. Mindestöffnungszeiten für Allgemeinmediziner sind derzeit 20 Stunden bei einer Kassenstelle, fünf Tage die Woche. Und wir haben jetzt mit dem, was wir verhandelt haben, vier Tage auf 23 Stunden. Die Ordinationen sind also länger offen, die Öffnungszeit kann aber auf nur vier Tage verteilt werden – ein Kompromiss. Und: Nur weil die Ordination geschlossen ist, heißt das ja nicht, dass der Kollege Freizeit hat. Im Gegenteil, da macht er Hausbesuche, bespricht telefonisch Befunde mit dem Patienten oder holt zusätzlich Planpatienten in die Ordination. Es ist uns wichtig zu betonen, dass die Kolleginnen und Kollegen mit Kassenverträgen deutlich mehr leisten, als die Öffnungszeiten vermuten lassen.

Trotz eines sich verändernden Arbeitsethos der Mediziner …
Das betrifft die gesamte Generation, nicht nur die Medizin. Jedes zweite Wochenende durchgehend Rufbereitschaft zu haben ist halt nicht vereinbar mit dem Privat- und Familienleben. Zum Glück gestaltet sich das System der Bereitschaft und diese Verpflichtung vor Ort jetzt anders. Das hat schon dazu geführt, dass wir manche Kassenstellen besetzen konnten, die wir sonst nicht hätten besetzen können.

Bei welchen Kassenstellen ist die Versorgungslage besonders kritisch?
Vor allem in den Fachrichtungen Gynäkologie, Kinderheilkunde und Allgemeinmedizin. Die größte Gruppe sind die Allgemeinmediziner. In diesen drei Bereichen ist es notwendig, attraktiver zu werden.

Wie soll das aussehen? Nur die vorgeschriebene Arbeitszeit zu reduzieren, wird wohl nicht genügen.
Richtig, das sind viele Maßnahmen. Wir wollen zum Beispiel für alle Allgemeinmediziner, die eine Kassenstelle übernehmen, die Möglichkeit einer Hausapotheke. Wir sehen, dass es in Regionen, wo eine Kassenstelle mit und eine ohne Hausapotheke angeboten wird, deutliche Unterschiede bei den Bewerbungen gibt. Unsere Patienten wollen eine Medikamentenausgabe von ihren Hausärzten. Selbst das Klima profitiert: Einer Studie sagt, dass 19.000 Tonnen CO2 gespart werden könnte, wenn die Wegstrecke zum Apotheker wegfällt.

Hausapotheken sind ein Schritt zur Attraktivierung der allgemeinmedizinischen Kassenstellen. Bleiben noch Gynäkologie und Kinderheilkunde. Welchen Plan gibt’s da?
Im Bereich Gynäkologie und Kinderheilkunde sind wir noch nicht dort, wo wir hinwollen. In der Gestaltung der Tarife ist es bisher offensichtlich nicht gelungen, die Verträge ausreichend attraktiv zu machen.

Österreich hat eine der größten Ärztedichten in Europa, knapp 53 Ärzte kommen auf 10.000 Einwohner. In Deutschland sind es nur 44, in Frankreich gar 33. Trotzdem klagen wir über einen Ärztemangel im niedergelassenen und im Spitalsbereich. Warum?
Die Köpfe allein sagen nichts aus. Wir haben eine sehr hohe Teilzeitquote. Der Anteil an Ärztinnen ist in den letzten Jahren viel stärker angestiegen, weil fast 60 Prozent der Medizinabsolventen weiblich sind. Nicht alle wollen nach einem Kind in Vollzeit zurückkehren. Auch da muss man an den Rahmenbedingungen arbeiten.

Nennen Sie uns die drei Punkte, die man sofort ändern müsste, um die Versorgungslage zu verbessern. Arbeitszeitkonforme Kinderbetreuung wäre einer davon?
Richtig, je mehr Frauen wir im System haben, desto attraktiver muss ein Wiedereinstieg sein. Zweitens: Leistung muss sich auszahlen. Es muss möglich sein, leistungsabhängige Komponenten zu berücksichtigen und denjenigen, die mehr leisten wollen, diese Möglichkeit im Dienstrecht dann auch zu geben. Drittens: Was das Dienstrecht betrifft, müssen wir klären: Sind wir noch zeitgemäß? Die letzte Novelle war 2014/2015. Das ist jetzt schon achteinhalb Jahre her.

Das Land stellt 21 Millionen Euro unter anderem für Studienplätze und Stipendien zur Verfügung, um die Studenten an die Kages binden. Auch die ÖGK hat einen ähnlichen Stipendienvorschlag, um Kassenstellen zu besetzen. Was halten Sie von dieser Idee?
Ich denke, es ist wesentlich, dass wir die Kollegen schon vor Studienende mit guten Rahmenbedingungen binden. Dazu braucht es ein Bündel an Maßnahmen; ich bin persönlich für jeden Vorschlag dankbar. Es kursieren aber viele Stipendien. Stipendien des Landes, Stipendien der Kages, jetzt das Stipendium der ÖGK … da gibt es sicher attraktivere und weniger attraktive. Aber prinzipiell ist es positiv, dass man mit besseren Rahmenbedingungen frühzeitig eine Bindung herstellen will. Die Zeit wird zeigen, ob diese gut genug waren.

Heftig diskutiert wird auch die Idee der Primärversorgungszentren. Das Modell ist offensichtlich gescheitert, denn wir haben nur einen Bruchteil der nötigen Zentren. Warum?
Sie sind eine hervorragende Ergänzung der Versorgung. Man muss aber auch wissen, ich brauche drei Kassenstellen in einem Ort, um ein Primärversorgungszentrum zu errichten. Und diese drei Kassenstellen in einem Ort muss man erst einmal haben. Es ist also auch hier so, dass es die Rahmenbedingungen nicht leichter machen. Der neue PVE-Vertrag zwischen Ärztekammer und ÖGK wird hoffentlich dazu beitragen, dass sich mehr Ärztinnen und Ärzte für Primärversorgungseinrichtungen interessieren. [Anmerkung: Primärversorgungseinheiten (PVE) sind eine neue Organisationsform für eine umfassende Gesundheitsversorgung der Bevölkerung.]

Warum gehts nicht mit einer Kassenstelle und zwei angestellten Ärzten?
Das will der Gesetzgeber nicht. Wir sind von Seiten der Ärztekammer sehr für vielfältige Zusammenarbeitsformen: Anstellung Arzt bei Arzt, aber auch neue Modelle der Gruppenordinationen, Jobsharing etc. Weil das genau in die Zielgruppe derjenigen Kollegen hineingeht, die Teilzeit machen wollen. Nur muss man da halt auch ehrlich sein. Ich schätze unsere Partner sehr, aber die Flexibilität für solche neuen Modelle ist bei ihnen eher nicht gegeben. Wenn ich in der Honorierung Deckelungen, also Obergrenzen der Verrechenbarkeit habe, dann ist es beim Jobsharing schwierig, ein tragfähiges Modell zu finden.

Foto: Erwin Scheriau

Anfang 2028 soll das neue Leitspital Liezen in Betrieb gehen, die Spitäler Rottenmann, Bad Aussee und Schladming sollen damit ersetzt werden. In allen drei Häusern soll aber weiter eine Grundversorgung angeboten werden. Ist das sinnvoll und machbar?
Politisch ist das ja entschieden, ich kann das nur aus der Perspektive der Ärztekammer beurteilen. Wenn wir nicht gegensteuern, dann schafft der Personalmangel in dieser Region Fakten. Sie müssen sich vor Augen halten, wie lange man von hier ins Ennstal fährt. Schon nach Leoben pendeln 60 bis 80 Prozent der Ärzte von Graz aus ein. Diese Distanz ist pendelbar. Aber von Graz nach Liezen fährt man eineinhalb Stunden, nach Schladming länger … da müssen die Rahmenbedingungen schon hundertprozentig stimmen.

Sind aus Ihrer Sicht die bestehenden Standorte in irgendeiner Form aufrecht zu erhalten, oder führt kein Weg am Leitspital vorbei?
Die Versorgungslage in diesen drei Spitälern ist jetzt schon kritisch. Ob und wie sich das Leitspital bewährt, kann man erst sehen, wenn es in Betrieb ist. Aber in der Kages stehen 150 Pensionierungen von Fachärzten nur in diesem Jahr an. Damit muss man einmal fertig werden, wenn man zudem noch 200 unbesetzte Stellen hat. Da ist vieles offen. Alle nachzubesetzen wird bei den bestehenden Rahmenbedingungen schwierig.

Die Medien berichten von Patienten, die von Krankenhäusern zurückgewiesen werden – in Tamsweg oder Knittelfeld. Wird das die neue Normalität werden?
Tamsweg ist ein Symptom. Man hat in der Steiermark erstmalig realisiert, dass diese Krise in den Gesundheitsberufen keine steirische ist, sondern eine burgenländische, eine niederösterreichische und auch eine Salzburger Krise. Ich glaube, wir alle müssen die Strukturen optimieren: Mehr ambulante und weniger stationäre Behandlung und das am besten nicht in einer tagesklinischen Ambulanz, sondern bei niedergelassenen Ärzten.

Auch Pflegeberufe sind nicht attraktiv genug. Haben Sie dazu eine Wahrnehmung?
Ja, die Arbeit in der Pflege hat sich im letzten Jahr massiv geändert. Corona war ein Brandbeschleuniger. Mit dem Personalmangel und den Alternativen außerhalb der großen Spitäler hat die Mobilität in den Gesundheitsberufen stark zugenommen. Die Angebote sind vielfältig. Da will ich gar nicht davon reden, dass ein anderes Bundesland, um Personal zu werben, hier in Graz eine Straßenbahn bekleben lässt, die dann direkt zum Klinikum fahren und unsere Mitarbeiter und Kollegen plakativ dazu auffordern soll, doch nach Wien zu gehen. Dieser Markt ist sehr stark umkämpft. Auch Laborassistenten, Ordinationsassistenten etc. werden händeringend gesucht. Es ist Zeit Maßnahmen zu ergreifen, um die Gesundheitsberufe attraktiver zu machen.

Herr Sacherer, danke für das Gespräch!

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Dr. Michael Sacherer wurde 1983 in Wien geboren. Er maturierte in Graz und promovierte dort 2009 an der Medizinischen Universität. Neben seinem Engagement als Betriebsratsvorsitzender an der Uni (seit 2016) absolvierte er 2019 und 2021 die internistische und die kardiologische Facharztausbildung. Im Mai 2022 wurde er zum Präsidenten der Ärztekammer Steiermark gewählt, im Präsidium der Österreichischen Ärztekammer übt der Vater zweier Kinder die Funktion des Finanzreferenten aus. Er ist verheiratet und lebt in Graz.   aekstmk.or.at

Fazitgespräch, Fazit 191 (April 2023), Fotos: Erwin Scheriau

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