Außenansicht (69)
Peter Sichrovsky | 16. März 2026 | Keine Kommentare
Kategorie: Außenansicht, Fazit 220
Die überflüssigen Wortspenden der Kunstschaffenden. Bill Maher, US-Entertainer mit einer regelmäßigen TV-Show, weigerte sich, bei der Verleihung der diesjährigen Emmy-Awards einen Pin, eine Stecknadel, gegen die Antiimmigrationstruppe »ICE« (United States Immigration and Customs Enforcement) zu tragen. Seiner Weigerung folgte ein – wie es im Englischen heißt – Shitstorm der Erbosten und Empörten.
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Maher ist einer der rhetorisch begabtesten Entertainer und antwortete in seiner nächsten Sendung den Empörten: »Nach all den kritischen Bemerkungen, die mich erreichten, weil ich mich weigerte, einen Pin gegen ICE zu tragen, bin ich in mich gegangen, habe es mir noch einmal überlegt und bin zu folgendem Schluss gekommen: Ihr könnt mich alle mal, ich bin Entertainer, und meine Fans mögen mich wegen meiner Scherze, der interessanten Interviews und Diskussionen mit meinen Gästen. Ich werde nie einen Pin tragen, egal für oder gegen wen.«
Mit beißendem Zynismus kritisierte er Kolleginnen und Kollegen, die eine Preisverleihung für plakative, oft infantile politische Botschaften benutzen würden, und sprach damit ein Problem an, das auch uns in Europa immer öfter beschäftigt.
Warum glaubt zum Beispiel ein Schauspieler, der einen Mörder spielt – so überzeugend, dass wir als Zuseher froh sind, wenn er vor Ende des Filmes von der Polizei erwischt wird –, uns könnte seine Meinung zum Konflikt Israel vs. Gaza oder dem Krieg Russlands gegen die Ukraine interessieren? Der Wissensstand der Kunstschaffenden zu diesen Konflikten gleicht dem der Busfahrer, Psychiater, Installateure, Piloten, Pfleger und Mathematiklehrer. Dennoch benutzen sie ihre Bekanntheit, um das Publikum zu belehren, zu ermahnen, an Gut und Böse zu erinnern – oder auch nicht, vielleicht ist es nur das verzweifelte Verlangen nach Applaus.
Als letzte Woche mein Klo verstopft war und ein Installateur meine ganze Familie mit ein paar geschickten Handgriffen von einer Katastrophe befreite, bedankte ich mich, und er sich, nachdem ich ihn bezahlt hatte (plus einem stattlichen Trinkgeld). Als er sein Werkzeug zusammengepackt hatte und sich verabschiedete, ermahnte er mich nicht, an die Kinder in Gaza zu denken, an die Verhaftung illegaler Einwanderer in Minnesota und an die Zerstörung der Stromversorgung in Kiew. Er überreichte mir auch keine Liste mit Unterschriften von 200 Installateuren, die gegen die Verhaftung eines Arztes der Hamas protestieren. Ich war nahe dran, ihn zu fragen, warum ihn das alles nicht beschäftige, hat es doch eine der Kunstschaffenden vor ein paar Tagen bei einer Preisverleihung so betroffen gemacht, dass sie fast weinend ihren Preis in Empfang genommen hatte.
Wir alle treten auf kleineren oder größeren Bühnen auf, gegenüber Verwandten, Bekannten, Kunden, Gegnerinnen oder Gegnern im Sport oder einer Kartenrunde im Kaffeehaus. Es ergeben sich Diskussionen, Gespräche mit unterschiedlichen Ansichten, oft heftig und unversöhnlich. Die Interaktion unterscheidet sich von den Belehrungen der Kunstschaffenden, von der Bühne herab oder der Verbreitung von Unterschriftenlisten. Mit einfältigen, einseitigen Erklärungen feuern sie um sich wie mit abgeschossenen Pfeilen.
Wir als Publikum sind das Ziel ihrer mit Klischees zusammengerafften Positionen, die uns wehr- und hilflos zurücklassen. Es gab die Kunstwerke, die das Publikum mit einer Botschaft erreichten, wie Picassos »Guernica« oder Polanskis »Der Pianist«. Die authentische »MeToo«-Bewegung hat mit engagiertem Einsatz über interne Ungerechtigkeit die eigene Branche verändert und suchte nicht mit dem Finger auf der Landkarte die Empörung. Da mussten die Kreativen nicht viel erklären, sie erreichten uns mit ihrer gewagten Offenheit und ihrer Begabung. Es prallte nicht ab wie ein belehrender Satz, ein Pin am Revers oder ein Palästinenserschal um den Hals.
Wenn ihr es nicht schafft, liebe Kunstschaffende, eure Botschaft mit künstlerischen Mitteln zu vermitteln oder offen über euch selbst zu sprechen, dann lasst es lieber. Es ist nur mehr peinlich und lässt uns als Publikum vergessen, warum wir euch verehren, bewundern und uns eure Begabung aufregt und begeistert. Tauscht doch eure Meinungen untereinander aus, so wie es euer Publikum macht. Ganz ohne große Bühne.
Außenansicht #69, Fazit 220 (März 2026)
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